Aus einer Sammlung von:
- Aktuelle, sowie vergessene musikalische Perlen aus der Welt des Rock und Heavy Metal
- Lohnenswerte Filme
- Gedanken aus aktuellem Anlass

Freitag, 6. März 2015

Rock aus dem Berner Oberland


MILESTONE

Demo 2014 / Seed (Single)

(Rock, Alternative Rock, Alternative Metal)


Milestone ist eine Alternative Rock/Metal Band, die 2007 in Thun, Schweiz, gegründet wurde. Begonnen hat die Band mit AC/DC ähnlichem Hard Rock. Durch diverse Mitgliederwechsel und einem neuen Leadsänger aus Spanien hat sich auch ihr Stil weiterentwickelt. Der jetzige musikalische Stil der Band wurde unter Anderem von der altbekannten Band Metallica sowie von Alter Bridge geprägt. (Auszug aus www.milestoneofficial.com)

Irgendwann mal voller Freude und Bescheidenheit vom Gitarristen der Band in meine Hand gedrückt gekriegt, habe ich der schlichten, aber dennoch ansprechend gestalteten 4-Track Demo mittlerweile ein paar Durchläufe gegönnt. Denn während sich die Mehrheit der jungen Bands der härteren Klänge eher dem gnadenlosen Geknüppel verschrieben hat, gehen die Herren aus dem Berner Oberland eher gemächlicher zur Sache und spielen erfrischenden, Gitarrenbetonten Rock mit Post-Grunge Anleihen, die zwar die erwähnten musikalischen Paten nicht überhören lassen, stets aber darum bemüht sind, ihren eigenen Stil zu entfalten.

Bestes Beispiel dafür ist das Stück "Home". Anfangs erinnert das Stück an Metallicas balladeske Klänge der Marke "Fade to Black" oder "One", entwickelt sich dann aber zu einer eigenständigen, grossartigen Halbballade, die wirklich keine Wünsche mehr offen lässt: Instrumentalisierung schlicht gehalten, aber gekonnt eingesetzt, der Gesang passt, ein kurzes, aber melodisch perfekt eingefügtes Solo im Mittelteil und ein sauberes Crescendo zum Schluss - der klare Höhepunkt des gesamten Demos.

Doch auch die restlichen drei Stücke können sich durchaus hören lassen! "Time Has No Reverse" besticht nach ruhigem Anfang durch zunehmendes Riffgewitter, welches sich schon in der metallischen Gegend bewegt und für einmal die Zügel ganz loslässt und sich austobt. Denn im Gegensatz dazu klingen die beiden anderen Stücke "Answer" und "Secret Life" eher gedrosselt, was aber nicht heisst, dass sie schlechter wären. Im Gegenteil. Der groovige Sound der Post-Black Album-Ära von Metallica und die Alternative Rock bzw. Post-Grunge Einflüsse runden das Gesamtbild des Demos ab und offenbaren so einen interessanten musikalischen Querschnitt, auf dem die Band aufbauen und daran arbeiten kann.

Die Stärken liegen, trotz des jungen Alters, an der Instrumentalisierung und am Songwriting. Man merkt, dass man in keinem Fall - auch nur Ansatzweise - bloss ein Abklatsch von Band 08/15 sein will. Die Einflüsse sind zwar klar herauszuhören, aber es ist klingt nie nach einer Kopie.

Die wahrscheinlich grösste Herausforderung für eine Rockband ist einen geeigneten Sänger zu haben. Tommy Fenyx erweist sich diesbezüglich als gute Wahl. Was die Sache bei Milestone schwierig macht, ist, dass es die Klangbreite von sanften, über rockige bis hin zu metallischen Klängen abzudecken gilt. Dies gelingt ihm zwar mühelos, wenngleich man sich in den härteren Passagen durchaus etwas mehr Aggressivität vorstellen könnte.

Das Gitarrenduo - also das Herzstück einer Rockcombo - Tobias Rupp und Jonas Schmid harmoniert top und klingt abwechslungs- und ideenreich. Auch wenn es manchmal den Eindruck erweckt, dass die beiden Herren mit etwas angezogener Handbremse spielen, so verrichten sie ihre Arbeit auf den vier Demosongs einwandfrei. Man dürfte gespannt sein, wie sich dies in Zukunft entwickeln und anhören wird.

Vom Rhythmus her ein, wie bereits erwähnt, eher ruhiges, aber grooviges und abwechslungsreiches Demo. Eine Frage stellt sich allerdings: Wie werden die Stücke klingen, wenn ein ganzes Album gefüllt wird? Hat man nämlich vier bis sechs weitere Stücke, welche in die gleiche Richtung gehen, könnte es sich auf Dauer etwas sperrig anhören. Etwas mehr die Handbremse loslassen, zwischendurch auch mal weniger komprimiert spielen und gezielte Hooklines einsetzen, würden den Sound dieser begabten Herren keinesfalls verfälschen oder gar verraten, vielmehr erweitern und noch zugänglicher machen.

Aber letzten Endes bleibt abzuwarten, wie sich Milestone weiterentwickelt, wie sie als Band musikalisch zusammenwächst und vor allem, wie sich der Sound live bewährt. Von daher bin ich sehr gespannt und freue mich vorerst mal an einer durchaus gelungenen Demo-CD.

Update: Seed (Single)


Während man sich gerade die Demo-CD gegönnt hat, haben die fünf Jungs ein paar Konzerte gespielt und offensichtlich fleissig geprobt und an sich gearbeitet. Denn ihre Single "Seed", welche man in digitaler Form erwerben kann, knüpft nicht einfach nur nahtlos an ihrem Demo an, sondern zeigt Milestone in beachtlich gesteigerter Form: Von der angezogenen Handbremse bei den Gitarren ist keine Spur mehr zu erkennen, das Songwriting ist top (auch wenn man meiner Meinung nach die kurzen Breakdowneinschübe hätte weglassen können) und der Gesang passt perfekt ins Gesamtbild.

Stilistisch hat man sich etwas vom Metallica-ähnlichen Sound wegentwickelt und orientiert sich noch deutlicher in die Post-Grunge Richtung mit viel Groove. Frühere Nickelback-Anleihen sind nicht zu leugnen und wer das Album "Temptation Come My Way" von The Showdown kennt, der wird mir zustimmen, dass man im Berner Oberland einen Zwilling gefunden hat.

Mit "Seed" unterstreichen Milestone noch einmal ihr Potential und dürften mit ihrer etwas moderner eingeschlagenen Richtung eine Menge junger Fans dazugewinnen. Zu gönnen wäre es ihnen jedenfalls. Weiter so, Jungs!
   
Punkte: keine Bewertung

Credits: www.milestoneofficial.com

Montag, 2. März 2015

Wenn AC/DC-Jünger richtig zu Werke gehen...


DYNAMITE 

Lock n Load 

(Rock, Blues Rock, Hardrock) 


Jeder kennt sie, die Stromjungs aus Australien AC/DC, eine der einflussreichsten und erfolgreichsten Acts in der Rockgeschichte. Und obwohl es mittlerweile unzählige Coverbands davon gibt und sich immer wieder die einen und anderen an den simplen bluesigen Hardrock herantasten, schaffte es in der Neuzeit bisher einzig Airbourne, nicht nur in deren Fusstapfen zu treten, sondern auch damit erfolgreich zu sein. Und während Airbourne, wie auch frühere mit AC/DC vergleichbare Bands wie Krokus, Def Leppard oder Cinderella ihren eigenen Stil entwickelt haben, setzen Dynamite aus Schweden am Grundgerüst der Stromjungs, will heissen der Ära von Bon Scott an. So klingt Sänger Mattis nicht nur zum Verwechseln ähnlich wie der gute Bon, auch generell klingt ihr Debut durchweg als wäre es direkt aus deren Zeit.

Ok, eigentlich ist es schon rotzfrech, wie sich die vier jungen Herren (Band wurde erst 2012 gegründet!) massenhaft an bekannten Riffs ihrer Paten bedienen, diese ein bisschen abändern und anders kombiniert in 11 Stücke verarbeiten. Aber mal ganz ehrlich: tun dies AC/DC nicht schon lange? Egal wie man zu dieser Tatsache steht, eines muss man "Lock n Load" lassen: das Teil rockt! So ziehen "Bullseye", "Stone Heart Rebel" und der Titeltrack schon mal selbst dem ältesten Rocker die Schuhe aus, bevor man spätestens bei "Work hard for the Money" zusätzlich noch aus den Socken gehauen wird. So frisch, unbekümmert und fadengerade haben sogar AC/DC auf einigen ihrer Alben nicht mehr geklungen. Und das Rezept ändert sich auch bei den nachfolgenden Tracks nicht. Einzig das total bluesige "Streefighting Blues" und das rassige, abschliessende "Dynamite" sprengen den üblichen Rhythmusrahmen etwas. Doch auch hier bewegt man sich nach wie vor komplett im Gefilde der frühen AC/DC.


Was soll man nun davon halten? Billige und unnötige Kopie? Berechtigte Unterstellungen. Aber so simpel es klingen mag AC/DC zu kopieren, so vergisst man womöglich, dass gerade darin die Schwierigkeit liegt, es kurz, knackig und prägnant auf den Punkt zu bringen. Und hier haben Dynamite nunmal ganze Arbeit geleistet. Kopie hin, Abklatsch her - "Lock n Load" wird AC/DC-Fans der Spät70er verblüffen und erfreuen und allgemein Sympathisanten von Blues Rock mit Hardrock-Einschlag begeistern. Mehr braucht man zu diesem Album nicht zu sagen. Einfach Disc einlegen, aufdrehen und geniessen.

Punkte: 8 / 10

 Credits: Denomination Records 2013

Sonntag, 1. März 2015

Die gute alte Schule des Hardrock


ECLIPSE

Armageddonize

(Rock, Hardrock, AOR, Heavy Rock)


Irgendwo im scheinbaren Nirgendwo tief im Emmental, Samstagabends genügsam am Tisch sitzend und über die bisher tollen Bands austauschend, geschah das Unerwartete: Nachdem mich bereits am Vorabend das Festival Line-up überzeugen konnte und nun auch bereits die nächsten ansprechenden Bands von der Bühne zogen, stellte ich mich vorerst auf eine Pause ein. Und während ich mir ein Chili con Carne gönnte, legte die nächste Band los. Ich traute zuerst meinen Ohren nicht, als fette Riffs, treibender Beat und glasklarer Gesang aus den Boxen erklang - Hardrock vom Allerfeinsten! Die Folge war, dass ich mein Essen in Rekordzeit herunterschaufelte und mich anschliessend mit brennendem Mund zur Bühne vordrängte.

Das war meine erste Begegnung mit Eclipse aus Schweden, einer Band, die ich bis dato in keinster Weise wahrgenommen hatte. Und obwohl sie bereits vier Alben auf ihrem Konto haben, fanden die ersten beiden wenig Anklang. Erst das dritte Album "Are you Ready to Rock" sorgte für Aufsehen und der Nachfolger "Bleed and Scream" wurde mancherorts sogar zum Hardrock-Album des Jahres 2012 gekürt. Und mit "Armageddonize" legen die Herren nun ihr fünftes Werk vor und möchten natürlich dort anknüpfen, wo sie mit ihrem Vorgänger aufgehört hatten. Und eines kann man vornweg sagen: sie knüpfen nicht nur an, sie legen noch eines drauf!

Ganz ehrlich, es fällt mir in der Tat schwer, zu diesem Album etwas zu schreiben, ohne nicht in Schwärmerei zu geraten. Sowas hat es in der Richtung melodischer Hardrock / Heavy Rock seit Jahren nicht mehr gegeben. Entweder war es schlicht zu seicht, zu eintönig, zu herzlos oder es war Grunge-verseucht. Aber Hardrock der Marke Whitesnake, Bon Jovi oder Gotthard gab es erst mit einer neuen Welle aus Schweden wieder. Und ähnlich wie ihre Landsmänner H.e.a.t, die bereits beachtlich am abräumen sind, setzen Eclipse voll auf das Rezept Hardrock der alten Schule, der häufig mit dem Hair/Glam Metal aus den 80ern in Verbindung gebracht wird.

So erhält man ohne Vorwarnung bereits mit dem Opener "I don't wanna say I'm sorry" die volle Bedienung: Fräsende Riffs, ein Drummer, der alles aus einem simplen Rockbeat herausholt und perfekt mit dem Bassist harmoniert und ein Sänger, den sich so viele gerne in der eigenen Band wünschen würden. Nein, originell ist die Mucke von Eclipse natürlich nicht. Aber wer so geile Riffs gekonnt mit Melodien verbindet, die einem sofort ins Ohr gehen und die man auf Anhieb mitsingen kann, der hat in der Sparte schon mal alles richtig gemacht und hat die Trophäe auf sicher. Und spätestens beim zweiten Track, der Singleauskoppelung "Stand on your Feet", bleibt einem schlicht die Spucke weg - das ist einfach nur noch Melodic Hardrock in Vollendung, Punkt.



Es macht wenig Sinn, die restlichen Stücke zu beschreiben, da es neben ganz wenigen, leicht balladesk angehauchten Momenten einfach nur einen Grundtenor gibt, nämlich pure freakin' Hardrock. Man merkt Sänger / Gitarrist Erik Martensson und Gitarrist Magnus Henriksson ihre Routine nicht nur an ihrem Handwerk, sondern vor allem am Songwriting an. Nicht zuletzt haben sie erfolgreich bei Bands und Projekten wie W.E.T., Giant oder Adrenaline Rush engagiert mitgeschrieben und -gewirkt.

Man kann es drehen und wenden wie man will, aber auf "Armageddonize" sucht man vergebens nach einem Schwachpunkt. Jeder Song ist ein unwiderstehlicher Volltreffer, eingebettet in einer druckvollen Produktion. 11 mal stellen die Schweden klar, warum ihr Vorgängeralbum nicht umsonst als Hardrock-Album des Jahres gehandelt wurde. Und auch wenn das Jahr noch jung ist, kann man eines getrost sagen: Wer diesem Album das Wasser reichen will, der muss sich äusserst gut anstellen. Ich gehe sogar soweit zu behaupten, dass sich "Armageddonize" bedenkenlos mit Genre-Klassikern aus den glorreichen 80ern messen kann - und das will was heissen...

Fazit: Liebhaber von klassischem Hardrock mit Hair/Glam Metal Attributen können getrost blind zugreifen, alle anderen sollten mal ein Ohr riskieren.

Punkte: 10 / 10

Credits: Frontier Records 2015

Mittwoch, 18. Februar 2015

Die Welt mit anderen Augen sehen


METALHEAD

(Originaltitel: Málmhaus; Island 2013)



Genre: Drama
Regie: Ragnar Bragason
Darsteller: Þorbjörg Helga Dýrfjörð, Ingvar E.Sigurðsson, Halldóra Geirharðsdóttir
Musik: Petur Thor Benediktsson
Laufzeit: 97 Min.
Altersfreigabe: 16
Themen: 
Trauma, Trauer, Wut, Rebellion, Selbstfindung, Vergebung / Versöhnung, Bestimmung 


Hin und wieder gibt es sie: Filme, die einem aus der Seele reden. "Metalhead" mag auf den ersten Blick nicht in diese Sparte gehören und scheint nur Liebhaber der harten Rockmusik und der Subkultur des Heavy Metal anzusprechen. Womöglich trifft dies primär auch zu, doch ein genaueres Hinschauen entfaltet sich als Filmjuwel, welches nicht bloss eine Ode an eine weitgehend unbeachtete Musikrichtung und verschmähte Subkultur ist, sondern mit viel Feingefühl und Glaubwürdigkeit das Leben einer zerschundenen Seele schildert.

Zum Plot:  
Es ist das Jahr 1970 und als Black Sabbath ihr erstes Album aufnehmen, wird in einem tristen Dorf im isländischen Nirgendwo die kleine Hera geboren (Thorbjörg Helga Thorgilsdóttir). Als Zwölfjährige muss sie mit ansehen, wie ihr großer Bruder durch einen tragischen Unfall aus dem Leben gerissen wird. Von dem traumatischen Erlebnis schockiert, übernimmt sie seine Persona samt Lederjacke, Motörhead-Shirt und E-Gitarre. Ihre ganze Jugend trägt sie fortan nur noch seine Klamotten, hört und spielt seine Musik. Trauer und Wut werden mit Songs von bekannten Metalbands und mit eigenen Heavy-Metal-Riffs ausgedrückt. Auch nach der Schulzeit fühlt sie sich von allen missverstanden - auch von ihren Eltern. Diese versuchen durch den Kirchenchor wieder ein wenig am Leben teilzunehmen. Gerade als Heras Rebellion immer destruktivere Ausmaße annimmt, zieht ein junger Priester in den Ort. Das Schicksal scheint sich zu wenden und Hera erkennt, dass sie nicht ihr ganzes Leben lang weglaufen kann... (Allgemeiner Filmbeschrieb)


Wer jetzt meint, dass einem damit ein rührseliger, in typischer Hollywood-Manier x-fältig wiederholter und künstlich aufgeblasener Stoff serviert wird, der wird enttäuscht. Der isländische Regisseur Ragnar Bragason, selbst grosser Heavy Metal Fan, schrieb auch gleich das Drehbuch zu dieser Independent-Produktion. Und das Resultat ist beeindruckend. Nicht nur, dass es ihm gelingt, in seinem Coming-of-Age-Film eine überzeugende Hauptdarstellerin in Szene zu setzen, sondern es versteht, die Dramaturgie durch die Weite isländischer Kulisse und der damit verbundenen Rauheit und Einfachheit der Lebensbedingungen und -umstände perfekt einzufangen.

Im Gegensatz zu vielen Mainstream-Produktionen, wo man gerne bestimmte Szenen ausbaut und nicht selten in die Länge zieht, um beim Zuschauer gezielt eine gewisse Wirkung zu erlangen, wirkt bei "Metalhead" anfangs vieles kurz und abrupt. Manchmal erweckt es sogar den Eindruck, als wäre der Film ein Abspulen von Episoden. Doch gerade darin liegt die Faszination, weil erst gegen Schluss alles in ein Gesamtbild zusammenläuft, welches nicht mit einem fertigen Ende aufwartet, wohl aber die vereinzelten Lebensabschnitte von Hera in einem klareren Licht erstrahlen lassen. So verfallen Aussagen wie:
"Es sind die Dinge, von denen wir wegrennen, die uns am meisten schmerzen"
"Es heisst, dass die Zeit Wunden heilt. Aber das ist nur dummes Zeug"
"Die Trauer frisst unser Leben auf"
"Gott gibt es auch in der Finsternis" 

nicht einfach nur zu blanken Zitaten, sondern graben sich mit ihren Bildern tief in die Emotionsebenen ein und hinterlassen eine nachhaltige Wirkung - man fühlt mit, man trauert mit und man beginnt zu verstehen. Und statt dabei den Zuschauer ständig mit Musik zu berieseln oder gar zu torpedieren, zeichnet Ragnar Bragason ein hervorragendes Psychogramm einer verwundeten Person, welche ihren Schock, ihre Trauer und ihre Wut in der Härte und Ehrlichkeit des Heavy Metal verarbeitet.

Wer, wie ich, als Heavy Metal-Fan aufgewachsen ist, wird "Metalhead" lieben und muss sich nicht wundern, sich selbst in der einen oder anderen Szene zu begegnen. Wer hingegen dieser Musik und deren Kultur wenig oder nichts abgewinnen kann, der sollte sich dennoch nicht abschrecken lassen und dem Film eine Chance geben, denn ein überzeugenderes Bild eines Metalheads hätte Ragnar Bragason kaum kreieren können.

Eines jedenfalls steht fest: "Metalhead" ist schon jetzt Kultkino und ein kleines Meisterwerk, welches den Genreverwandten Grossproduktionen aus Hollywood problemlos das Wasser reichen kann.

Punkte: 10 / 10




Montag, 16. Februar 2015

Das Überleben der echten Musik



Nein, ich bin selber kein Musiker; zumindest nicht einer, der intensiv daran arbeitet, um mit Musik sich selbst auszudrücken und davon leben zu können. Aber ich bin jemand, der schon früh von Musik und Kunst im allgemeinen fasziniert war. Zwar liessen es diverse Umstände in meinem Leben nicht zu, mich darin zu entfalten und ausbilden zu lassen (und das ist eine lange, ganz eigene Geschichte...), doch im Laufe der Jahre konnte ich vermehrt hinter die Kulissen von Musikern blicken und habe dabei eine regelrechte Empathie dafür entwickelt.

"Ohne Musik wäre das Leben ein Irrtum" (Friedrich Nietzsche) oder "Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist" (Victor Hugo) sind zwei von zig anderen Zitaten, welche ausdrücken, wie wichtig Musik für uns Menschen ist. Egal in welcher Lebenslage man sich gerade befindet, Musik kann etwas verstärken, verändern oder gar heilen.

Und dennoch hat sich im Musikbusiness seit der Digitalisierung und dem daraus entwickelten Downloadkonsum etwas grundlegend verändert. Der Verkauf von physischen Tonträgern wie CDs ist massiv zurückgegangen. Durch den Overkill an Neuveröffentlichungen ist es angenehmer, ein einzelnes Stück herunterzuladen (ob kostenpflichtig oder nicht), statt eine ganze Scheibe zu erwerben. Irgendwie verständlich. Vom Musiker bzw. Künstler kriegt man höchstens noch das Gesicht im Netz oder bestenfalls in einem Clip auf Youtube mit. Musik ist - wie vieles andere auch - mittlerweile zum Konsum geworden, der einerseits unverzichtbar ist, für den man aber andererseits möglichst nichts ausgeben will.

Die Folge ist, dass immer mehr Musiker (und ich meine richtige Musiker, nicht Businesspüppchen, die heute einen grossen Hit landen und morgen wieder vergessen sind) in ihrem Schaffen immer weniger die Lorbeeren und den Lohn kriegen, der ihnen eigentlich zustünde. Klar, Musik und Kunst im allgemeinen lässt sich schlecht am Aufwand messen, da schliesslich alles im Auge und Ohr des Konsumenten liegt. Deshalb ist die Musikindustrie eiskalt darauf ausgerichtet, möglichst viel Umsatz und Gewinn einzubringen - egal welche Stilrichtung man spielt. Dies ist wiederum eine Frage des Trends. Falls man also immer mit der neusten Welle mitreitet, muss man sich um die Zukunft der Musikindustrie keine Sorgen machen, die wird immer Mittel und Wege finden, dem Konsumenten die Geldscheine aus der Tasche zu entlocken.


Problematisch wird's erst dann, wenn man sich einem Randgenre wie bestimmte Richtungen des Rock, Blues, Jazz, Folk, Punk oder Metal verschrieben hat - also Musik, die per se existiert und nicht ein Produkt der nächsten angesagten Strömung ist; das heisst, wenn Musiker diejenige Musik machen, die sie wirklich spielen wollen und mit der sie sich am besten ausdrücken können. Hier ist es für unzählige Bands und Musiker zum Überleben, statt Davon-Leben geworden. Gerade unpopuläre Sparten der eher harten Rockmusik überleben aufgrund ihrer treuen Fans. Hier findet eine gegenseitige Annäherung statt, die schon fast eine gewisse Intimität hat. Das heisst, dass sich Musiker nicht zu schade sind, sich auf die Ebene des Bodenpersonals herunter zu lassen. Ihnen ist klar, dass sie ihr grösstes Kapital sind und nicht irgendwelche Firmen, Labels oder Institutionen, die zwar mit Moneten viel ermöglichen, aber niemals auf Dauer ein Herz oder Treue erkaufen können.

Was dies konkret heisst? Nun, jede Entwicklung und Erneuerung eröffnet neue Wege und Chancen, Musik unabhängig von Radio und MTV zu verbreiten und an den Verbraucher zu bringen. Die Frage ist nur, was man daraus macht. Wer nämlich z.B. eine talentierte, noch unbekannte Band am Leben erhalten will, der tut ihr damit den grössten Gefallen, wenn es nicht beim Gratis-Download, einer Raubkopie oder beim Youtube-Clip bleibt. Duzende, ja hunderte von investierten Stunden, Schweiss und Herzblut haben mehr verdient. Wenn es unser Herz berührt erst recht...

In anderen Worten: Konsumierst du noch oder unterstützt du schon?

Donnerstag, 5. Februar 2015

Am Rand von Kitsch regiert eine grossartige Stimme


BATTLE BEAST 

Unholy Savior  

(Metal, Heavy Metal, Power Metal, Melodic Metal)


Knapp zwei Jahre sind vergangen, seit die sechs Finnen mit ihrem zweiten, gleichnamigen Album vor allem Ohren und Herzen von Liebhabern des traditionellem Heavy Metal in modernem Gewand verwöhnten. Dabei sah die Ausgangslage damals eher nach einer Zangengeburt aus, da Sängerin Nitte Valo die Band kurz vor den Aufnahmen völlig überraschend verliess. Eine neue Reibeisenstimme wurde in Noora Louhimo gefunden und erwies sich als Jackpot. Nicht nur, weil sie mit der Rauheit von Nitte mithalten kann, sondern weil sie schlicht mehr Spektrum bietet und auch in ruhigen Stimmlagen stets auf der Höhe ist. Jedenfalls sang sie die Songs tadellos ein und machte auf der nachfolgenden Tour von sich Reden.

Bei "Unholy Savior" konnte Songwriter Anton Kabanen also ungehindert aus den Vollen schöpfen und das Resultat ist eine unüberhörbare Weiterentwicklung, die sich vor allem in der Versiertheit zeigt. So schockten Battle Beast schon mal mit dem Vorab-Lyric-Clip von "Touch in the Night", welcher vielerorts aufgrund des poppigen Einschlags komplett verrissen wurde. Viele Fans fühlten sich verraten, andere aber begrüssten die Hommage an 80er Synthi-Bands wie Alphaville oder A-ha mit einem Augenzwinkern. Zudem kleistern die Finnen mit "Sea of Dreams" und "Angel Cry" gleich zwei Balladen hin, welche zwar sogar vereisten Schnee zum Schmelzen bringen, den hartgesottenen Metaller aber jäh an die Grenzen des Erträglichen führen könnten.

Aber auch die rassigen Nummern sind ausgefeilter als auf dem Vorgänger. Bereits der Opener "Lionheart" besticht durch einen guten Aufbau, variierender Rhythmik und eingängigen Hooks. Der anschliessende Titeltrack haut in dieselbe Kerbe, bietet aber noch mehr Dramatik, bevor mit "I want the World..." zum ersten Mal Battle Beast in gewohnter Manier aus den Boxen brettert. "Madness" erinnert im ersten Augenblick zwar an "Wishmaster" von Nightwish, kracht aber deutlich härter daher und mit "Speed and Danger" wird so richtig aufs Gaspedal gedrückt, dass man nicht drum herum kommt, spätestens hier den Lautstärkeregler doch noch etwas anzuheben. Und mit dem balladesken "The Black Swordsman" und dem dazugehörenden, angeknüpften Instrumental "Hero's Quest" führt Kabanen sein lyrisches Lieblingsthema fort: Das Fantasy-Manga Berserk. Im Übrigen eine Inspiration, welche laut Kabanen selbst, verknüpft mit persönlichen Erlebnissen, man in praktisch allen Texten von Battle Beast wiederfindet. "Far far away" zeigt dann die Finnen nochmals so, wie man sie kennt und am liebsten mag - mit schlichten Riffs, im Midtempo gehaltener Groove und ein Chorus zum Mitschreien.


Selbst nach wiederholtem Durchlauf fällt es mir in der Tat nicht leicht, dem dritten Werk dieser jungen Band ein definitives Votum zu geben. Wenn auch an Versiertheit und musikalischer Reife dem Vorgänger überlegen, fehlt dann doch der durchgehende Biss und vor allem die Hitdichte, welche der grossartige Vorgänger vorweist. Zwar singt sich Noora mit ihrem faszinierend rauhen, kraftvollen, aber gleichzeitig auch feinen Gesang auf "Unholy Savior" locker die 10 heraus, aber als Gesamtpaket "Battle Beast" bleibt noch Luft nach oben. Konnte man nämlich das Vorgängeralbum ohne weiteres in einem Guss durchhören, ist man bei "Unholy Savior" wiederholt versucht, die Skip-Taste zu drücken.

Trotzdem ein wirklich gelungenes Album, welches vor allem durch eine brillante Sängerin heraussticht, Songs mit Ohrwurmcharakter bietet und damit die Finnen auf die nächste Stufe erheben und sie zu einer ernst zu nehmenden Grösse machen dürfte.

Punkte: 7.5 / 10

 Credits: Nuclear Blast Records 2015

Montag, 26. Januar 2015

Schneewittchen in Ritterrüstung


SNOW WHITE AND THE HUNTSMAN

(USA 2012)

 


Genre: Fantasyabenteuer
Regie: Rupert Sanders
Darsteller: Kristen Stewart, Charlize Theron, Chris Hemsworth, Sam Claflin, Toby Jones, Ian McShane, Ray Winstone
Musik: James Newton Howard
Laufzeit: 127 (Kinoversion) / 131 (erweiterte Fassung) Min.
Altersfreigabe: 12 
Themen:
Bestimmung, Mut, Macht, Sterblichkeit, Reinheit, Leben, Liebe


Mit mir legt man sich am Besten nicht an...
Märchen dienten schon öfters als perfekte Inspiration für eine Filmdrehbuchvorlage und dies über Jahrzehnte. Stachen lange nur Disney Trickfilme als beliebte Märchenverfilmungen heraus, haben sich in den letzten Jahren zunehmend Leute an die Realverfilmungen herangewagt. Die diskussionslose Speerspitze "Herr der Ringe" hat diesbezüglich nachhaltig das Fantasykino beeinflusst und geprägt. Dass mit fortgeschrittener Tricktechnik nicht alles bereits getan ist, unterstreichen die leider auch etwas missglückten Adaptionen wie "Eragon", wo einfach hinter der Trickfassade schlichtweg zu wenig an Drehbuch oder Charakterzeichnung gearbeitet wurde. Mit "Snow White and the Huntsman" wagt sich Regieneuling Rupert Sanders an seinen ersten Kinofilm heran, der das klassische und beliebte Schneewittchen in einer etwas düsteren und erwachseneren Form zeigen soll.

Inhalt: Unter der gütigen Herrschaft von König Magnus floriert das Königreich, und seine Tochter Snow White (Snow White) kann eine glückliche Kindheit verleben. Doch da bricht Unheil über das Land ein: Die Königin stirbt und eine mysteriöse Armee von schwarzen Glaskriegern fällt ins Land ein. Aus deren Fängen befreit König Magnus die wunderschöne Ravenna (Charlize Theron), die ihm sogleich den Kopf verdreht. Schon am nächsten Tag nimmt er sie zur Frau - nichtsahnend, dass dies genau ihr Plan war: In der Hochzeitsnacht ermordet sie den König, lässt ihren Bruder Finn (Sam Spruell) mitsamt ihrer Zauberarmee ins Schloss eindringen und reisst die Macht über das Königreich an sich. Snow White wird in den Schlossturm gesperrt... (Quelle: OutNow.ch)


Traue nicht jedem... Apfel!
Grossartige Bilder, stimmig inszeniert und musikalisch traumhaft untermalt - so lässt sich "Snow White and the Huntsman" kurz zusammenfassen. Dass Regisseur Rupert Sanders seine Trümpfe, die er aus der Videoclipbranche her hat, hier im grossen Stil ausspielen kann, kommt dem Film sicherlich zugute. Denn der Hauptanteil des Filmreizes ist klar auf das äusserst gelungene Handwerk zurückzuführen. Aber auch schauspielerisch wird einiges geboten: Charlize Theron verkörpert Ravenna im wahrsten Sinne des Wortes abscheulich gut, verleiht ihrer Figur eine wahrhaft diabolische Note und Chris Hemsworth spielt den Huntsman mit einer Natürlichkeit, als würde er gar keine Rolle spielen. Auch Kristen Stewart ist für Snow White optisch eine gelungene Wahl, verleiht ihrer Figur aber eine eher unnahbare Rolle. Dies mag ein berechtigter Kritikpunkt sein, doch letztendlich liegt es viel mehr am Drehbuch und deren mangelnden Charakterzeichnung, dem eigentlichen Schwachpunkt des Films. Hätte man hier etwas mehr investiert und den Film um 20-30 Minuten ausgebaut, hätte man ohne Weiteres ein Meisterwerk schaffen können.

Keine Ahnung, warum sie dich jagen, aber du bleibst schön bei mir...
Aber selbst in dieser Form bleibt "Snow White and the Huntsman" ein bildgewaltiges Abenteuer, welches aufgrund der Märchenvorlage auch inhaltlich einiges hergibt. Wer sich ohne grosse Erwartungen (am Besten den Trailer gar nicht erst schauen!) an den Film heranwagt und sich Snow White in Ritterrüstung vorstellen kann, der wird sich dem Zauber dieser eher düsteren, emotionsgeladenen und ermutigenden Umsetzung kaum entziehen können.


Punkte: 8 / 10