Aus einer Sammlung von:
- Aktuelle, sowie vergessene musikalische Perlen aus der Welt des Rock und Heavy Metal
- Lohnenswerte Filme
- Gedanken aus aktuellem Anlass

Dienstag, 22. Dezember 2015

Der Siegeszug der Gepanzerten Heiligen

ARMORED SAINT

Win Hands Down

(Metal, Heavy Metal)


Die Geschichte von Armored Saint aus dem sonnigen Kalifornien ist eine etwas durchzogene und nicht gerade von der Sonnenseite des Lebens gezeichnete Angelegenheit. Von Unstimmigkeiten mit Label und Produzenten auf den ersten drei Alben, über den tragischen Tod an Leukämie von Gitarrist und Hauptsongwriter Dave Prichard und der darauffolgenden temporären Bandauflösung, bis hin zum Stempel der ewig verbannten Undergroundband hat man so ziemlich alles erlebt, was eine Band in der Regel in die Knie zwingt. Tatsächlich gehören die "Gepanzerten Heiligen" mit gerade nur sechs Studioalben seit 1982 nicht gerade zu den produktivsten Rockern. Dafür kann man sagen, dass jedes ihrer Alben hochklassigen Heavy Metal der traditionellen Marke zu bieten hat. Ihr letzter Output "La Raza" aus dem Jahre 2010 schlug zwar eine etwas sperrigere und experimentellere Richtung ein, wuchs aber zunehmend als regelrechte Genreperle, auch wenn mehrheitlich nur unter "Eingeweihten". Eigentlich tragisch, denn Armored Saint werden permanent unter ihrem Wert verkauft. Doch vielleicht gerade deswegen und weil folglich der kommerzielle Erfolg ausgeblieben ist, kriegt man immer 100% Armored Saint - unverfälscht, erdig und authentisch.


Und dies wird sich bei ihrem neusten Streich "Win Hands Down" voraussichtlich nicht ändern. Einmal mehr präsentieren die fünf Saints, was man sich seit jeher von ihnen gewohnt ist: ehrlicher, schnörkellos traditioneller Stahl. Und mit dem eröffnenden Titeltrack wird einem dabei schon mal kräftig in den Hintern getreten, um während den nächsten 51 Minuten klarzustellen, dass selbst Anno 2015 die Gepanzerten Heiligen Meister ihres Fachs sind. Und vielleicht sogar noch mehr als je zuvor. Allein die Produktion ist makellos: glasklar, druckvoll und an den richtigen Ecken und Enden mit der nötigen Kante. Das Songwriting ist in all den Jahren wie guter Wein ausgereift und fängt die Ausflüge in den Classic Rock und die etwas progressivere Ausrichtung auf "La Raza" mit der unbekümmerten Direktheit und Härte der 80er-Werke absolut perfekt ein. So sind 'Mess', 'With a Full Head of Steam', 'That Was Then, Way Back Then' oder das abschliessende 'Up Yours' die gewohnt schlichten Headbanger, welche aber um Breaks und ausgeklügelte Soloteile reicher geworden sind. Doch die wahren Trümpfe spielen Armored Saint mit ihren groovigen, tendenziell im Midtempo gehaltenen Krachern wie 'An Exercise in Debauchery', 'Muslce Memory' oder dem sogar eher progressiven 'In an Instant' aus. Da sind wirklich grossartige Musiker am Werk, die sich blind verstehen und sich nicht einfach auf ein paar tolle Gitarrenriffs beschränken. Neben dem beeindruckenden Gesang von John Bush - der hier jedem jungen Shouter die Hosen auszieht und zum wiederholten Mal unter Beweis stellt, dass er zur absoluten Elite unter den Metal-Sängern gehört - wächst auch die Rhythmussektion um Bassist Joey Vera und Drummer Gonzo Sandoval über sich hinaus.

"Win Hands Down" zeigt alles andere als irgendwelche Abnützungs- oder Alterserscheinungen - im Gegenteil, es strotzt nur so von Frische und Spielfreude. Selbst das bluesig angehauchte, balladeske 'Dive' fällt nicht ab und passt perfekt ins Klangbild eines Referenzalbums, welches in allen Belangen den Bandklassikern das Wasser reichen kann und wirklich nur um Nuancen und der unvergleichlichen Stimmung von "Delirious Nomad" dessen Rang nicht abknöpft. Eine Band, die Anfang ihrer 50 nach einer 5jährigen Pause ein solch unbekümmertes Album 'raushaut, hat nicht nur alles richtig gemacht und damit langjährige Fans und alte Rocker begeistert, sondern sich zudem auch den Beifall der jungen Generation verdient. Grosses Kino!

Punkte: 10 / 10

Credits: Metal Blade Records 2015

Samstag, 5. Dezember 2015

Top 5 - Alben 2015


2015 war musikalisch gesehen ein fettes Jahr mit überzeugendem Material von Szenengrössen wie Toto, Europe, Scorpions oder Def Leppard (um nur einige zu nennen...), aber auch mit grossen Überraschungen aus der Newcomer-Ecke. Dies zeugt grundsätzlich und erfreulicherweise davon, dass die härtere Variante der Rockmusik und der klassische Heavy Metal noch lange nicht ausgedient und immer noch Erfrischendes zu bieten haben. Trotz der vielen tollen Alben habe ich mich auf fünf beschränkt, die sich über das ganze Jahr hinaus gesehen als die absoluten persönlichen Highlights heraus kristallisierten.

5. DIVINER - Fallen Empires



Völlig unerwartet und wie aus dem Nichts flatterte dieses Album als Promo in meine Mailbox. Anfangs etwas skeptisch, überwand ich mich dazu, kurz reinzuhören. Doch das erwartet kurze Antesten verwandelte sich kurzerhand zum süchtig machenden Leckerbissen. Knackig, groovig und trotz der traditionell gehaltenen Soundausrichtung total erfrischend und spielfreudig, habe ich das Werk der Griechen im Nu liebgewonnen. Für mich die Überraschung des Jahres.




4. HOUSE OF LORDS - Indestructible



Als Überreste der glorreichen 80er haben die US-Amerikaner ihren AOR-lastigen Sound ins neue Millennium transportiert und liefern mit "Indestructible" eine ausgewogene Mischung aus rassig-reissendem Hardrock und eindringlich balladeskem Melodic Rock. Getragen durch James Christians Stimme hat sich dieses Album schnell in meinen Gehörgängen verankert und ähnliche Sachen dieser Ecke überboten und hinter sich gelassen.




3. ECLIPSE - Armageddonize



Diese Perle wurde bereits anfang Jahres veröffentlicht und mir war sehr schnell klar, dass im Verlauf des Jahres wirklich grandiose Alben erscheinen müssten, um dieses hier zu toppen. Grandiose und eingängige Melodien, die man am liebsten überall lauthals mitsingen würde - und zumindest im Auto war dies sehr oft der Fall. 11 Songs, 11 Volltreffer. So klingt für mich melodischer Hardrock in Vollendung.






Als Anfang Jahres die grossartige EP "Through the Storm" erschien, setzten die fünf Slowaken damit die Messlatte für den im selben Jahr angekündigten Longplayer enorm hoch an. Doch die Zweifel lösten sich bei einem solchen Album in Luft auf. Akkurat und technisch brillant, erfinden Signum Regis den Power Metal zwar nicht neu, stellen aber die Genre-Kollegen mit ihrem Niveau halt dann schon etwas bloss. Für mich das Newcomer-Album des Jahres. 





Ja, ich gebe es zu, bei diesem Album habe ich geweint - und zwar vor Freude! In Anbetracht des Alters der Helden meiner Jugend habe ich einfach ein gutes Album erwartet und wurde stattdessen zum wiederholten Mal mit einem Knüller überrascht. 92 Minuten Maiden pur wurden 2015 zu meinem persönlichen Soundtrack, der praktisch täglich in singender oder pfeifender Form aus mir herausklang. Unbestreitbare Nummer Eins.



Donnerstag, 22. Oktober 2015

Melodic Metal, Prädikat: Referenzklasse


[Im WebZine Whiskey-Soda veröffentlicht]


SIGNUM REGIS

Chapter IV: The Reckoning

(Metal, Melodic Metal, Power Metal)


Ein zunehmender Trend zeigt, dass die Grundschule des Heavy Metal auch bei jüngeren Bands ihre Spuren hinterlassen hat. Ein allgemeines "Back to the Roots" überstrahlt nicht nur eine mittlerweile mehrjährige, neue schwedische Hardrock-Welle, auch im Metalbereich wagt man sich zunehmend gegen den angesagten Strom der Extreme zu bewegen. So hat sich zum Beispiel das schwedische Label Ulterium Records einer Reihe von Bands angenommen, die im melodischen und eher traditionellen Bereich des Metal angesiedelt sind und unter welchen auch Signum Regis amtieren. Ihr respektabler Backkatalog von drei Alben und einer EP hat in einigen Underground-Magazinen zwar die Runde gemacht, doch zum Szenendurchbruch hat's noch nicht gereicht. Aber dies dürfte sich bald ändern. Denn ehrgeizig und unbeirrt an seiner Soundvision festhaltend, hat Bassist und Mastermind Ronnie König die Band unterdessen auf ein Niveau gebracht, das so manch bekannte Band ihres Genres in Verlegenheit bringen dürfte.

Um die Wartezeit zwischen dem letzten Album "Exodus" (2013) und dem vorliegenden, mittlerweile vierten Longplayer zu verkürzen, gab's diesen Frühling mit der EP "Through the Storm" mehr als bloss einen Überbrückungstrost: Die Slowaken drückten ihrem bereits eigenwilligen, neoklassisch angehauchten Power Metal einen etwas kantigeren Stempel auf und überraschten bei den vier neuen Songs vor allem durch deren Hymnencharakter. "Chapter IV: The Reckoning" führt den eingeschlagenen Weg nahtlos fort und - ja, das kann man bereits vorneweg sagen - setzt dem Ganzen die Krone auf.

Was Signum Regis von unzähligen anderen Melodic / Power Metal-Bands unterscheidet, ist die Tatsache, dass Signum Regis auf jegliche Gimmicks wie getriggerte oder Computergenerierte Drums und übertrieben bombastische und nicht selten kitschige Synthikulissen verzichten und trotz einer sauberen und druckvollen Produktion darum bemüht sind, einen möglichst authentischen und live-ähnlichen Sound zu kreieren. Dass die fünf Slowaken nämlich allesamt hervorragende Musiker sind, konnte man bereits auf den Vorgängeralben heraushören. Auf "Chapter IV: The Reckoning" - wie im Übrigen bereits auf der EP - ist man nun als Band zusammengewachsen und hat damit einen bezeichnenden Qualitätssprung gemacht. Die Kompositionen sind kompakter, die Songs sind allgemein direkter und weniger verspielt und die Hooks sind noch ausgereifter - eigentlich ein Indiz dafür, dass man nicht lediglich Songs fürs Studio schreibt, sondern diese genauso ohne Umschweife auch live vortragen will.


Es mag sein, dass man mit komplexen und vertrackten Songstrukturen kreativ und künstlerisch bei Kritikern das grosse Los zieht, aber es ist ebenso (und vielleicht sogar noch mehr) hohe Kunst, Inspiration, Kreativität und Komplexität auf eine simple und zugängliche Art herunter zu brechen. Signum Regis ist dies auf eindrückliche Weise gelungen. Ihre unbestreitbare musikalische Klasse, sowie ihre unüberhörbare Liebe zur klassischen Musik verschachteln sie in zehn einzelne Songperlen, ohne diese künstlich auszuwalzen. Vom flotten Opener 'Lost and Found' bis hin zum epischen, schleppend-balladesken Abschlusstrack 'Bells are Tolling' lassen Signum Regis nichts aus, was sich der Freund von melodischem Schwermetall wünscht: Egal ob im Mid-Tempo gehalten oder aufs Gaspedal gedrückt - Signum Regis sind jeder Situation gewachsen und bestechen immer wieder durch die abermals messerscharfe und dennoch filigrane und präzise Gitarrenarbeit von Filip Kolus (einfach zum Niederknien, was dieser Mann aus den sechs Saiten herausholt!), der perfekt harmonierenden Rhythmussektion um Drummer Jaro Jancula und Bassist Ronnie König (mit seinem souveränen und für das Genre eher untypisch ausgeprägten Bassspiel steckt er seine Kollegen locker in die Tasche), der gezielten, aber nie aufdringlichen Synthi-Veredelung von Jan Tupy und dem markant-kraftvollen Gesang von Mayo Petranin, der bestens auch ohne Auto-Tune auskommt.

Sei es das hymnenhafte 'The Voice in the Wilderness', der grossartige Mid-Tempo-Reisser 'Kingdom of Heaven', der Nackenbrecher 'Prophet of Doom' oder das energiegeladene und stürmische 'Quitters Never Win' - sie sind nur eine kleine Auswahl der Referenzklasse, welche man auf "Chapter IV: The Reckoning" à discrétion serviert bekommt. Signum Regis ziehen alle Register ihres Könnens, heben einen Querschnitt durch ihr bisheriges Material heraus und veredeln es optimiert und perfektioniert auf den Tonträger - schlicht ein wahres Freudenfest für jeden Heavy / Power Metal-Liebhaber, egal aus welcher Generation.

Ob am Schluss die Rechnung aufgeht und sich Signum Regis in der mittlerweile kaum mehr überschaubaren Release-Flut durchzusetzen vermögen, bleibt natürlich offen. Genauso aber bleibt die Tatsache, dass "Chapter IV: The Reckoning" nicht nur Signum Regis' bisheriges Referenzwerk geworden ist, sondern sich die Höchstwertung uneingeschränkt verdient hat. Definitiv ein heisser Anwärter zum Newcomer-Album des Jahres im Bereich des Melodic Metal!

Punkte: 10 / 10

Credits: Ulterium Records 2015


Samstag, 10. Oktober 2015

Rockin' Hellas!


[Im WebZine Whiskey-Soda veröffentlicht]

DIVINER

Fallen Empires

(Metal, Heavy Metal)


Egal, wie es ökonomisch um Griechenland steht und wie viele bitterböse Witze darüber bereits die Runde gemacht haben, Diviner vertreten mit ihrer Musik ihre Heimat von ihrer glorreichen Seite. Die in 2011 gegründete Band setzt sich zu einem Teil aus Mitgliedern von Innerwish zusammen und wird durch deren langjährige Freunde komplettiert. Die Vision von Diviner bestand von Anfang an darin, einen kraftvollen, intensiven, düsteren und zutiefst heavy inspirierten Sound zu kreieren, der einerseits die Essenz des traditionellen Heavy Metal einfängt und gleichzeitig zeitgenössisch klingt. Und mit "Fallen Empires" debütieren die Griechen unter dem schwedischen Label Ulterium Records und reihen sich dort perfekt in deren Musikagenda ein.

Bereits der knackige und brachiale Sound, der Toningenieur Peter In de Betou (u.a. Arch Enemy, Opeth und Amon Amarth) zu verdanken ist, gibt die Richtung von Anfang an klar an. Mit einem Riffgewitter sondergleichen legen die Herren mit dem Titeltrack los, um dann im folgenden während der gesamten Spielzeit wie ein Panzer alles in Grund und Boden zu walzen. Legendäre Bands wie Judas Priest oder Accept, aber auch modernere Acts wie Iced Earth, Primal Fear oder Brainstorm standen da unüberhörbar Pate. Doch statt ein billiges Plagiat abzuliefern, strotzen die zehn Songs nur so von Frische und Spielfreude, zu keinem Zeitpunkt kommt da Langeweile auf. Zwar klingt einiges auf den ersten Hörgenuss gleichförmig, streckenweise fast etwas monoton und es scheinen irgendwie die Höhepunkte zu fehlen. Das liegt unter anderem auch an der etwas harschen und eher eintönigen - und vielleicht für Einige gewöhnungsbedürftigen - Stimmlage von Yiannis Papanikolaou, der sich allerdings perfekt ins Soundgerüst von Diviner einfügt. Stücke wie 'Kingdom Come', 'Evilizer', 'Seven Gates', 'Come Into My Glory' oder 'Sacred War' verfügen nämlich neben dem soliden Grundtenor absolutes Hitpotenzial und gehören in der Sparte zum Besten seit Jahren.


Es wird immer wieder darüber spekuliert, was wohl sein wird, wenn Bands wie Judas Priest, Accept und Genossen der traditionellen Metallschmiede in Rente gehen werden. Nun, solange Bands wie Diviner nachrücken, wird man sich um die Zukunft des traditionellen Heavy Metal nicht sorgen müssen. Wenn diese ambitionierten Griechen auf ihrem Soundgerüst weiterbauen und zu ihrer Spielfreude und Frische noch etwas mehr an Originalität und Ideenreichtum zulegen, dann könnte da durchaus etwas ganz Grosses auf uns zukommen. Mit "Fallen Empires" haben Diviner jedenfalls schon mal eine beeindruckend-atmosphärische Visitenkarte hinterlegt - Efcharistó!

Fazit: Aufdrehen, Luftgitarre anschliessen, headbangen und geniessen!


Punkte: 9 / 10

Credits: Ulterium Records 2015

Dienstag, 6. Oktober 2015

Hart, aber himmlisch



[Im WebZine Whiskey-Soda veröffentlicht]


STRYPER

Fallen

(Metal, Heavy Metal, Hardrock)


"Wir sind keine christliche Rockband!", liess Sänger und Gitarrist Michael Sweet Anfang Jahres verlauten und stiess damit viele - hauptsächlich Christen - vor den Kopf. Was Sweet damit erklären wollte, war, dass er es absurd findet, eine Band als christlich zu "schubladisieren". Stattdessen habe sich Stryper immer als simple Rockband, einfach halt aus christlichen Mitgliedern bestehend, verstanden. Betrachtet man allerdings die Bandgeschichte, dann war die christliche Etikette von Anfang an Bestandteil ihrer Vermarktung und die christliche Rock- und Metalszene hatte damit ihre Vorzeigeband, die es kommerziell wie keine andere christliche Band an die Spitze brachte. Doch aus konservativen Reihen wurde scharf auf Stryper geschossen, da sich aus deren Perspektive christlicher Glaube und Rockmusik nicht verträgt. Dies wiederum veranlasste die Band dazu, ihr typisch gelb-schwarzes Outfit abzulegen, den Schriftzug zu ändern und mit "Against the Law" ein Album zu veröffentlichen, auf dem man komplett auf die zum Teil überaus plakativen Texte verzichtete.

15 Jahre dauerte es dann, bis man sich mit "Reborn" zurückmeldete. Doch der Versuch, an ihren 80er-Werken anzuknüpfen oder zumindest einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen, erwies sich als Schwerarbeit. Sowohl "Murder By Pride" oder das Coveralbum "The Covering", wie auch das Remakealbum "Second Coming" wurden gnadenlos vom übersättigten Markt erstickt. Erst "No More Hell To Pay" vermochte wieder richtig Fuss zu fassen und wurde mitunter sogar begeistert aufgenommen. Knapp zwei Jahre später kündigen Stryper mit "Fallen" ihr bisher härtestes Werk an. Die Songproben von 'Yahweh' und 'Fallen' bildeten zusammen mit dem ästhetischen Cover-Artwork ein überraschender Appetitanreger. Überraschend, weil Stryper tatsächlich härter, düsterer und vor allem besser als je zuvor klingen!


Mit 'Yahweh' wird das Album zwar im typischen Gospelähnlichen Refrain eröffnet, doch die Gitarrenattacken, sowie die Tempowechsel im Mittelteil erheben Strypers Sound auf eine höhere Ebene. 'Fallen', 'Let There Be Light', 'The Calling' und 'King Of Kings' hauen da in dieselbe Kerbe, halten das Niveau problemlos und zeugen von inspiriertem Songwriting. Sternstunden in Strypers Songkatalog sozusagen, die zum wiederholten Mal Goldkehle Michael Sweet in scheinbar ewiger Jugend und Oz Fox als begnadeter Saitenakrobat offenbaren. Und auch die Stampfer 'Pride' und 'Big Screen Lies' fügen sich nach anfänglicher Blockade mühelos ein, während die etwas gemächlicheren 'Heaven' und 'Love You like I Do' eher an glorreiche alte Tage erinnern. Positiv zu vermerken gibt's auch das Black Sabbath-Cover 'After Forever'; denn irgendwie ist gerade dieses Stück bezeichnend für die Soundausrichtung auf dem gesamten Album, welchem unüberhörbar die unvergleichliche Schwere von Tony Iommis Riffkünste zugrunde liegen. Schwer verdauliche Kost bietet hingegen einerseits 'Till I Get What I Need', welches sich durch sein unpassendes Tempo als Stilbruch erweist. Abschliessend wird mit der Ballade 'All Over Again' der Vogel dann endgültig abgeschossen. Auf einem Countryalbum wäre der Song ja passabel, aber bitte nicht auf einem Metal-Album, meine Herren - geht gar nicht!

Doch alles in allem gibt's auf "Fallen" wirklich wenig Anlass zur Kritik. Das einst gefeierte Aushängeschild des White Metal meldet sich zurück und ragt stolz über den ohnehin schon grossartigen Releases dieses Jahres von Genrekollegen wie Scorpions, Europe oder Iron Maiden mit hinaus. Knüpfte "No More Hell To Pay" an die Glanzzeiten von "Soldiers Under Command" oder "To Hell With The Devil" an, so schlägt man mit "Fallen" zwar einen etwas härteren Kurs ein, aber definitiv auch einen ausgereifteren. Egal, ob Stryper nun eine christliche Band oder schlicht eine Band aus Christen sind - wer klassischen, hervorragend gezockten und stimmigen Heavy Metal mit hymnenhaften Hooks mag, der kommt an "Fallen" definitiv nicht vorbei.

Punkte: 9 / 10

Credits: Frontiers Records 2015


Montag, 21. September 2015

Die perfekte Fusion von Pop und Metal


DEF LEPPARD

Hysteria

(Rock, Hardrock, Glam Metal)


Es gibt Alben, die man als Fan und Sympathisant von Rockmusik - oder generell von guter Musik - mindestens einmal im Leben gehört haben sollte. "Hysteria" von Def Leppard aus dem Jahre 1987 reiht sich da mühelos mit ein. Als Nachfolger von "Pyromania", welches der Band den kommerziellen Durchbruch verschaffte, waren die Erwartungen entsprechend hoch. Und man musste sich ganze vier Jahre gedulden, während die Band selbst mit unangenehmen Schicksalsschlägen fertig werden musste: Wunschproduzent Mutt Lange war restlos ausgebucht und konnte erst Ende 1984 wieder engagiert werden. Doch dann verlor Drummer Rick Allen bei einem Autounfall den linken Arm, was die geplanten Aufnahmen vertagen liess. Allen wurde mit Hilfe der NASA ein spezielles Schlagzeug angefertigt, mit welchem er mit den Füssen die wichtigsten Funktionen bedienen konnte. Allerdings erkrankte Sänger Joe Elliott an Mumps, was die Aufnahmen bis weit ins Jahr 1986 verzögerte.

Vier Jahre können für eine Band eine lange Zeit sein, wenn man gerade erst noch als heisser Newcomer gefeiert wurde und plötzlich von der Bildfläche verschwindet. Und "Hysteria" tat sich anfänglich auch recht schwer, in einem völlig übersättigten Markt von grossartigen Rock- und Metal-Alben zu landen, sich durchzusetzen und aufzufallen. Doch die anfängliche Blockade wurde durch einen schier unvergleichlichen Siegeszug abgelöst, der sich durch die Single-Auskopplung von ganzen sieben Titeln zu einem totalen Verkaufsrenner steigerte.


Produktionstechnisch lieferte "Hysteria" für damalige Verhältnisse und Möglichkeiten die "Crème de la Crème". Auch wenn von Einigen als überproduziert verdonnert, so lässt sich die Klasse am Songwriting und vor allem an der Hitdichte nicht wegdiskutieren. Die damals noch jungen Briten, welche zusammen mit Saxon und Iron Maiden die New Wave of British Heavy Metal lancierten, spielen buchstäblich ihr ganzes Potential aus und bezaubern die Musikwelt mit tollen Refrains, die einem nicht mehr aus den Ohren gehen, und traumhaften Melodien und Klangfarben, welche einem selbst aus dem härtesten Alltag herausholen: Songs wie 'Animal', 'Hysteria', 'Armageddon it' oder 'Love and Affection' sind Rock-Evergreens, die man selbst nach Jahrzehnten immer noch leidenschaftlich mitsingt. Und auch wenn man mit Songs wie 'Rocket', 'Pour some Sugar on me' oder der Ballade 'Love Bites' streckenweise arg in den Pop-Kitsch abdriftet, darf man sich dafür umso mehr an den rockigeren und kantigeren Stücken wie 'Gods of War', 'Don't Shoot Shotgun' und 'Run Riot' freuen.

Def Leppard wurde mitunter auch schon als Pop Metal bezeichnet und im Falle von "Hysteria" könnte die Bezeichnung nicht treffender sein. Denn wenn es ein Album gibt, welches Pop der 80er und Metal perfekt vereinigt, dann dieses. Für mich jedenfalls eines der grossartigsten Hardrockalben aller Zeiten, welchem ich vermutlich nie überdrüssig sein werde.

Punkte: 10 / 10

Credits: Mercury / Phonogram 1987


Montag, 14. September 2015

Das traditionelle Feuer bewahren


[Im WebZine Whiskey-Soda veröffentlicht]


MILLENNIAL REIGN

Carry The Fire

(Metal, Heavy Metal, Melodic Metal, Power Metal)


Völlig unerwartet flattert einem das ansprechende Albumcover einer weitgehend unbekannten Band vor die Augen, welches von Felipe Machado Franco stammt. Der namhafte Künstler hat schon Artworks von Blind Guardian, Rhapsody of Fire oder Theocracy entworfen.
Millennial Reign wurde von ASKA-Bassist Dave Harvey als Soloprojekt gegründet. Auf der Suche nach den geeigneten Mitstreitern wurde bereits das Material für die erste Scheibe zusammengestellt, welche dann unter einem unabhängigen Label veröffentlicht wurde. Die Besetzung hielt aber nicht Bestand und so führte Dave den Schreibprozess zum zweiten Album alleine fort. Nach und nach vervollständigte sich ein neues Line-Up, mit James Guest (Eden's Realm) gewann man einen markanten Sänger. Das Signing durch das schwedische Label Ulterium Records verschaffte Millennial Reign professionelle Produktionsverhältnisse.


Während die erste Scheibe für den heutigen Standard wie ein äusserst gelungenes Demo klingt, aber bereits eine gewisse Klasse durchblitzen lässt, welche vor allem auf dem unwiderstehlichen Hard'n'Heavy-Vibe der 80er begründet liegt, passt man die Stilrichtung auf "Carry the Fire" etwas an und legt etwas an Härte zu. So klingt Sänger James Guest nicht nur zum Verwechseln ähnlich wie Geoff Tate, auch allgemein fühlt man sich in die Anfangszeiten von Queensrÿche versetzt - und dies sei als Kompliment vermerkt. Der galoppierende Anfangstrack 'Forever Changed', die groovigen 'Save Me' und 'Man Stand Alone' oder das rassige 'This Day' hätten perfekt in die "The Warning"-Ära gepasst. Doch auch das restliche Material zeichnet sich durch akkurates Songwriting aus, welches zwar den einen und anderen Durchlauf braucht, um richtig zu zünden. Doch die oftmals im typischen Maiden-Stil gehalten Gitarrenläufe und die allgemein eingängigen Refrains machen es einem relativ einfach, die Wiederholungstaste zu drücken.

Einmal in den Gehörgängen gelandet entfaltet sich "Carry the Fire" als eine durchweg lohnende Angelegenheit, welche Freunde der bereits erwähnten, frühen Queensrÿche besonders erfreuen wird. Doch auch wer allgemein im traditionellen US Metal der Marke Crimson Glory oder frühere Fates Warning zu Hause ist, dürfte an diesem Album seine Begeisterung finden. Zudem ist es allgemein immer wieder eine wohltuende Bereicherung zu erleben, dass auch von neuen Bands aus der traditionellen Metal-Ecke qualitativ hochstehendes Material geschmiedet wird. Bitte mehr davon!

Punkte: 8 / 10

Credits: Ulterium Records 2015


Freitag, 4. September 2015

Oparock? Von wegen...


[Im WebZine Whiskey-Soda veröffentlicht]


IRON MAIDEN

The Book Of Souls

(Metal, Heavy Metal)


Ende dieses Jahres, genauer genommen am 25. Dezember, wird die mittlerweile zur Metal-Institution herangewachsene Band Iron Maiden ihr 40stes Jubiläum feiern. Und eigentlich gäbe es jetzt Unmengen an Geschichten und Hintergrundwissen über dieses Phänomen zu berichten. Doch dafür empfiehlt sich wärmstens die DVD "The History of Iron Maiden Part 1: The Early Days" und die jeweiligen Doku-Fortsetzungen auf den DVDs "Live After Death" und "Maiden England '88" oder ganz einfach der Film "Flight 666".

Spricht man von Iron Maiden, herrscht zumindest in der Metal-Szene Ehrfurcht und allgemein im Musikbusiness Respekt. Ganze drei Dekaden hat man die Rockmusik verblüfft, begeistert, geprägt und mit unsterblichen Songs beschenkt. Generationen von Bands berufen sich auf die Eisernen Jungfrauen als ihr musikalisches Erbe und Maskottchen Eddie ziert nicht nur die Albumcover und ist während den Live-Shows ein wichtiger optischer Bestandteil, sondern geniesst auf der ganzen Welt Kultstatus.

Gibt es eigentlich etwas, was über Iron Maiden noch nicht erzählt wurde? Ach ja, das neue Album... Fünf Jahre liegen zwischen dem letzten Studio-Output "The Final Frontier" und dem heiss erwarteten "The Book of Souls". Fünf Jahre, während denen die mittlerweile an die 60 Lenzen klopfenden Herren einerseits mit der "The Final Frontier" Promo-Tour und zuletzt mit der beliebten und äusserst erfolgreichen Retro-Tour "Maiden England" die ganze Welt bereisten. Die Welt hat noch nicht genug Eisen, Alt und Jung feiern die immer noch motivierten und spielfreudigen Mannen, bis anfangs 2015 eine Nachricht die Metal-Welt in Atem hält: Bei Frontmann Bruce Dickinson wird ein Tumor auf der Zunge diagnostiziert - er unterzieht sich einer entsprechenden Behandlung. Das Album ist zwar bereits im Kasten, doch die Band beschliesst, den weiteren Prozess zu unterbrechen, bis über Dickinsons Zustand eine definitive Diagnose gegeben werden kann. Erst die erlösende Botschaft des besiegten Tumors führt die Herren wieder ins Studio, wo noch der letzte Schliff und schliesslich die Bekanntgabe des Releasedatums gegeben werden. Doch bereits beim Erscheinen der Vorab-Single 'Speed of Light' wurden die vielen Begeisterungsstürme durch das Gemecker der ewig Unzufriedenen getrübt.

Das erste Doppel-Album der Bandgeschichte (Live-Alben und Compilations ausgeschlossen) kündigte sich mit seinen monumentalen 92 Minuten und dem bisher längsten Stück (das 18-minütige 'Empire of the Clouds' löst den bisherigen Rekordhalter 'Rime of the Ancient Mariner' mit seinen grandiosen 13 Minuten ab) als ein weiterer harter Brocken innerhalb der progressiven Soundevolution von Iron Maiden an. Nicht alle Maiden-Fans der ersten Stunde konnten nämlich gleich gut mit der Entwicklung der Post-Reunion-Alben leben. Doch 'Speed of Light' donnert überraschend direkt, simpel und mitreissend aus den Boxen und man fühlt sich umgehend in die 80er-Ära versetzt. Aber das ist nur der Anfang...


Wer bei den letzten beiden Alben "A Matter of Life and Death" und "The Final Frontier" schon fast verzweifelt versucht hat, sich durch den sperrigen Soundnebel zu kämpfen, um Maidens Schätze auch in den progressiven Strukturen zu entdecken oder sich schlicht die Scheiben nahezu schönhören musste, der darf getrost sein: "The Book of Souls" führt diesen Weg nicht fort. Bereits der Opener 'If Eternity Should Fail' bleibt sofort im Ohr hängen und besticht nebst grossartigem Refrain durch die typische Instrumentalisierung und die zweistimmigen Gitarrenharmonien, die trotz ihrer Einfachheit Maiden zu dem gemacht haben, was sie Heute sind und deshalb diesbezüglich in einer eigenen Liga spielen lässt.
Und genau diese Einfachheit zieht sich durch das gesamte Album, welches zudem wieder durch eine etwas druckvollere Produktion daherkommt und die Trümpfe des 16. Outputs der Band klar offenlegt: Bruce ist in Höchstform und man würde nie im Leben darauf kommen, dass der gute Mann bereits während seinen Sessions einen Tumor auf der Zunge hat. Das Gitarrentrio Murray / Smith / Gers liefert sich ein Riff- und Solobattle par excellence und zeigt wahrscheinlich zum ersten Mal so richtig, wie man drei Gitarren markant und optimal einsetzt. Über den Rhythmusteppich Harris / McBrain braucht man sowieso keine weiteren Worte, das ist selbsterklärend genug. Einzig ein nicht unwesentliches Detail sei hierbei angefügt, welches vor allem das Songwriting betrifft: Mastermind Steve Harris hat sich auf "The Book of Souls" erstaunlich zurückgenommen und fungiert zwar bei sechs Songs als Co-Writer, überlässt aber bei den übrigen Songs die Feder hauptsächlich Bruce und Adrian Smith.

'The Red and the Black' ist die einzige reine Harris-Komposition auf dem gesamten Doppel-Album, aber was für ein Monument das ist! Ein 13-minütiger Marsch - den man durchaus als 'Rime of the Ancient Mariner - Part 2' bezeichnen könnte - der sich mit seinen Riffs, Solos und Mitsingparts nahtlos in die Reihe der ganz grossen Hits der Bandgeschichte einreiht und zu einem absoluten Live-Knüller werden dürfte. Cheers 'Arry!

Ebenfalls monumental (10:27 Min.), aber etwas sphärischer geht's im Titeltrack zu. Statt oft vorgeworfenes Recycling der eigenen Sachen, spielen Maiden hier in neuer Frische auf - herausragend. Überhaupt erlebt man auf dem gesamten Album eine spürbare Spielfreude und Inspiration, welche sich ohne progressive Umwege sehr direkt entfaltet. Knackige Nummern wie 'When the River Runs Deep', 'Death or Glory' oder das fantastische 'Shadows of the Valley' klingen auf den ersten Hörgenuss vielleicht austauschbar, doch hört man einmal die grossartige Instrumentalisierung und das einzigartige Zusammenspiel der Band heraus, wird schnell klar, auf welchem Niveau man sich befindet. Und auch bei den etwas ruhigeren Stücken 'The Great Unknown', 'Tears of a Clown' (übrigens eine Hommage an den verstorbenen Schauspieler Robin Williams) oder 'The Man of Sorrows' verliert man sich nicht in der Langeweile, sondern baut auch dort gekonnt ein Emotionsgerüst auf.

Und da wäre ja noch der Abschluss des Albums, 'Empire of the Clouds'. Meine Güte. Sowas hat man von Iron Maiden in dieser Form noch nie gehört: Piano, Violine und ein Einstieg, der wie aus einem Kinosoundtrack anmutet und dann eine Soundkulissenentwicklung, die einem während 18 Minuten nur noch Gänsehautfeeling verschafft. 18 Minuten mögen nach viel klingen, aber keine einzige Sekunde davon, in der das tragische Unglück des Verkehrsluftschiffs R101 musikalisch verarbeitet wird, ist zu viel. Schlicht meisterhaft!

Fazit? Nun, die Erwartungen an eine Band wie Iron Maiden sind verständlicherweise gross. Doch dass die sechs Briten in ihrem Alter noch imstande sind, während 92 Minuten ein solches Feuerwerk abzuliefern, hätte ich ihnen ehrlich gesagt nicht zugetraut. Nicht selten mit Freudentränen in den Augen komme ich auch nach dem wiederholten Durchlauf zum selben Schluss: besser als auf diesem Album kann Iron Maiden Anno 2015 nicht klingen. Kann sich "The Book of Souls" also gar mit den Klassikern aus den 80ern messen? Schwer zu prognostizieren, das wird der Test der Zeit offenbaren. Aber eines steht bereits jetzt fest: von der Post-Reunion-Ära ist "The Book of Souls" zweifellos das stärkste Album.

Ein Hoch auf diese grossartigen Herren! Long live the Irons!


Punkte: 10 / 10

Credits: Warner / Parlophone, Sanctuary Copyrights / BMG 2015


Donnerstag, 27. August 2015

(Un-)Vergänglichkeit


Die Einen erleben sie relativ häufig, andere werden davon etwas mehr verschont: Die Momente im Leben, wo einem Hände und Füsse gebunden sind und man machtlos dem Schicksal überlassen ist. Mitteilungen über schwere Krankheiten, Tumore, ja, bis hin zu Todesnachrichten, können einem buchstäblich den Boden unter den Füssen wegnehmen. Die Sonne im Leben wird zur dunklen Nacht, das fröhliche Gelage zum Jammergesang. Sie machen uns allen klar, dass unser Leben beschränkt und endlich ist. Der Kampf und das Ringen ums Leben beginnt. Aber ist Leben wirklich nur Überleben? Mit Verlaub, ich glaube nicht...


Ironischerweise stellen sich uns gerade in solchen Situationen die essentiellen Lebensfragen. Wir wollen uns mit der einfachen Antwort, welche der entsprechende Lagebestand unbeirrt liefert, nicht zufrieden geben. Die Suche nach Trost und Hoffnung sind mehr, als lediglich der Versuch zu überleben - sie sind das Tor zum Leben und die Berührung mit der Unvergänglichkeit. Es wird einem klar, dass der Mensch mehr ist, als eine blosse Hülle, die irgendwann einmal vom Erdreich verschluckt sein wird. In dieser Hülle nämlich, steckt nebst aussergewöhnlichem Potential an Denken und Handeln auch die Fähigkeit des Empfindens und des Liebens. Es ist die Gewissheit, dass das Leben einen Sinn hat - sowohl für mich, wie auch für mein Gegenüber. Ich bin ein Auserwählter aus millionen von Spermien, ein wichtiges und wertvolles Individuum, welches sich auf einzigartige Weise den Aufgaben des Lebens stellt. Die dabei häufig entstehende Frage "Warum gerade ich? Warum muss ausgerechnet mir dies passieren?" bleibt meistens unbeantwortet und deutet darauf hin, dass die Antwort in einem grösseren und weit höheren Zusammenhang stehen muss. Jedenfalls gibt der natürliche Kreislauf des Lebens selbst keine faire Antwort darauf. Der Urheber des Lebens hingegen bietet darin eine weitaus grössere Perspektive.

Doch ob uns dies bewusst ist oder nicht, hinterlassen wir Spuren im Leben: einige sind gut sichtbar, andere eher kaum wahrnehmbar. Einige Personen konnten grosse Schritte machen, andere dafür nur ganz wenige. Aber am Ende ist Jeder auch wiederum nur ein Teil des ganzen Geschehens. Egal, ob ich das Privileg einer tollen Ausbildung und eines lukrativen Geschäfts hatte oder ob ich lediglich mein ganzes Leben lang auf der Flucht war oder ums nackte Überleben kämpfte - meine Einstellung und meine Haltung zum Leben und zu meinen Mitmenschen werden meine Taten ausmachen.

Somit ist das Leben an sich zwar vergänglich - und wir können uns in der Tat privilegiert und glücklich schätzen, wenn wir gesund sind! - aber was wir schliesslich davon hinterlassen, bleibt als Erinnerung unvergänglich zurück. Welches Vermächtnis wir auch immer hinterlassen werden, legen wir im Umgang mit unserem Leben und deren Umständen fest.
Möge es - allen Umständen zum Trotz - ein inspiriertes und inspirierendes Leben sein!



Samstag, 22. August 2015

Leder, Ketten und Nieten

JUDAS PRIEST

Defenders Of The Faith

(Metal, Heavy Metal)


Wenn es darum geht, die Anfänge des Heavy Metal geschichtlich zu erläutern oder zumindest wichtige Bands zu erwähnen, fallen fast ausnahmslos die Namen Led Zeppelin und vor allem Black Sabbath. Eine Band findet darin meines Erachtens schlichtweg zu wenig Erwähnung: Judas Priest. 1969 als Bluesband gegründet, spielten sie auf ihrem Debut noch eine Mischung aus Blues und Garagenrock, wandten sich aber bereits auf ihrem Nachfolger "Sad Wings of Destiny" ansatzweise härteren Klängen zu, um dann anschliessend mit "Sin after Sin" und vor allem "Stained Class" eines der prägendsten Frühwerke des Heavy Metal zu schmieden. Zudem tourten sie als Vorband von Led Zeppelin und AC/DC. Der Durchbruch kam dann 1980 mit dem Album "British Steel", welches das Fundament legte, damit Bands der 'New Wave of British Heavy Metal' wie Saxon, Def Leppard oder Iron Maiden gross durchstarten konnten.

Und kurz bevor Heavy Metal so richtig zu Höhenflügen ansetzte, erschien "Defenders of the Faith". Bedeutete "British Steel" der Durchbruch, so war "Point of Entry" eine Ernüchterung. Doch wetzte man mit "Screaming for Vengeance" schon mal die Krallen, so zerfetzte "Defenders of the Faith" alles bisherige Priest-Material im Nullkommanichts und bescherte der Szene ein in Stahl gehämmertes Monument. K.K. Downing und Glenn Tipton liefern sich Rifforgien en masse und Rob Halford schreit sich im wahrsten Sinn des Wortes die Seele vom Leib. Zum wiederholten Mal prägen die fünf Stahlmänner aus Birmingham die harte Rockmusik und bestätigen sich zudem als Verkörperung des Leder-, Ketten- und Nietenimages.


Hand aufs Herz, wer bei Stücken wie 'Freewheel Burning', 'The Sentinel' oder 'Heavy Duty / Defenders of the Faith' regungslos und apathisch bleibt, der hat von Heavy Metal vermutlich nichts verstanden. Und wer sich bei 'Rock Hard Ride Free' nicht am liebsten umgehend auf die nächste Harley setzen möchte, um mit dem Wind im Gesicht auf einer epischen Strecke los zu brettern, der ist echt zu bedauern. 'Defenders of the Faith' fasst nochmals alles zusammen, was Judas Priest seit ihrem ersten Album in der Szene der harten Rockmusik ausmacht: nicht nur eine stilprägende, sondern auch eine stilbildende Band ist hier am Werk, die sich den Begriff "Metal Gods" diskussionslos verdient. Metallica oder Iron Maiden mögen inzwischen mehr Scheiben verkauft haben und haben die grössere Anhängerschaft, aber Judas Priest ist und bleibt die erste Adresse des Heavy Metal in Reinkultur und dieses Album legt eindrücklich Zeugnis davon ab. Allein die Tatsache, dass die Herren sechs Jahre später - also am Ende der glorreichen Metal-Ära - dem Ganzen mit "Painkiller" noch eins draufsetzten, dürfte wohl den hintersten und letzten Nörgler zum verstummen gebracht haben. Aber das ist dann wiederum eine ganz eigene Geschichte...

Man kann es drehen und wenden wie man will, 'Defenders of the Faith' ist ein staubloser Klassiker, der sich eigentlich von selbst erklärt und in jede ernstzunehmende Metalsammlung gehört, basta.

Punkte: 10 / 10

Credits: Columbia / Sony Music Entertainment 1984 / 2001 (Remastered)

Donnerstag, 13. August 2015

Riot - unsterblich - Riot V


RIOT

Unleash The Fire


(Metal, Heavy/Power/Speed Metal)


Im Gegensatz zum europäischen Power Metal, der sich spätestens nach den beiden Keeper-Alben von Helloween etabliert hat und heutzutage im modernen Gewand nicht selten am Rand des Kitsch taumelt und damit vor allem die etwas härtere Metallerecke zu Nasenrümpfen und Apathie veranlassen, existiert die etwas kantigere Version aus den Staaten hauptsächlich im Untergrund und konnte kaum das grosse Los ziehen. Bands wie Metal Church, Vicious Rumors, Savatage oder Crimson Glory keimten zwar auch in den 80ern auf, wurden aber durch die deutlich kommerziellere Ausrichtung des europäischen Pendants zunehmend ignoriert und dafür umso mehr zu Kultbands, die aber heute eine regelrechte Renaissance feiern. Eine davon ist Riot. Ihre Werke "Fire Down Under" und vor allem "Thundersteel" werden unter Insidern als zwei der bedeutendsten Power/Speed Metal-Alben gefeiert.

Als Ende 2011 mit "Immortal Soul" Riot abermals nach den Sternen zu greifen schienen und nach 23 Jahren nochmal so richtiges Thundersteel-Feeling aufleben liessen, folgte kurz darauf die Hiobsbotschaft: Mark Reale, Gitarrist, Mitbegründer und Kopf der Band erlag seiner langjährigen Morbus-Crohn-Krankheit. Dennoch beschliesst die Band 2013 unter dem Namen Riot V die Geschichte fortzusetzen.

"Unleash the Fire" ist somit mitunter ein Tributalbum an Mark Reale geworden, dem gerade mal ganze zwei Songs ("Immortal" und "Until we meet again") unmissverständlich gewidmet sind. Aber wie klingt das Album? Kann Riot ohne Mark Reale überhaupt existieren? Das war die grundlegende Frage und die grössten Bedenken unter Fans und Kritikern. Doch was hier aus den Boxen brettert kommt völlig unerwartet und dürfte jeden einzelnen Skeptiker eines Besseren belehren, die Kinnlade mächtig nach unten ziehen und sogar die eine oder andere Freudenträne in die Augen treiben. Ein grosser Verdienst dafür bildet der neue Sänger Todd Michael Hall, der seine Künste bis in die hohen Tonlagen schlicht tadellos meistert und so dem typischen Riot-Sound die perfekte Stimme verleiht. Aber auch strukturell hat man sich nicht einfach generell auf das Referenzalbum "Thundersteel" beschränkt, um es dann krampfhaft zu kopieren versucht; die Atmosphäre des Klassikers aus dem Jahre 1988 ist zwar allgegenwärtig (und dies zum guten Glück und völlig zurecht!), doch Riot machen auch vereinzelt Gebrauch von etwas moderneren Elementen, was gewissen Songs deutlich mehr Groove verleiht und das Album so, trotz mehrheitlich hohem Tempo, sehr abwechslungsreich macht.


Ich mache mir gar nicht erst die Mühe, auf einzelne Songs einzugehen, denn wer das Album erstmal in den Player geschmissen hat und von den ersten Klängen begeistert sein wird, der wird "Unleash the Fire" nicht mehr weglegen wollen. Die Gitarren flitzen wie eh und je, die Hooks gehen sofort ins Ohr und entfalten sich innert Kürze zu Mitsinghymnen und die Rhythmussektion stampft und prügelt sich heroisch durch die herrlich old-schoolische, trockene Produktion. "Unleash the Fire" ist in der Tat ein Vorzeigealbum, welches weder im Schatten von "Thundersteel" steht, noch sich hinter der altbekannten und schon gar nicht aktuellen Konkurrenz zu verstecken braucht. Meiner Meinung nach - mit allem gebührenden Respekt Mark Reale gegenüber - haben sich Riot hier sogar selbst übertroffen und ihr Referenzalbum abgelöst. Ein Hoch auf die Renaissance des Edelstahls der Alten Schule!

Punkte: 10 / 10

Credits: Steamhammer / SPV GmbH 2014

Montag, 22. Juni 2015

Dynamit aus Dänemark



D:A:D

Riskin' it all

(Rock, Hardrock, Sleaze Rock)


Es ist das Jahr 1989 und die glorreiche Hard'n'Heavy-Ära scheint den Zenit erreicht zu haben und bietet kaum noch nennenswerte Innovationen, es sei denn noch mehr Hairspray, ausgefallenere Kleider und Schminke. Aber Moment mal, da waren doch noch diese Jungs aus Dänemark... Genau, D:A:D, um präzise zu werden. Mit simplem, eingängigem und melodischem Rock - angereichert mit Sleaze Rock und einem Schuss Punk - verblüffen die dänischen Freaks bei ihrem dritten Album "No Fuel left for the Pilgrims" in einzelnen Songs mit der Verwendung von Gretsch-Gitarren. Dieser unvergleichlich warme Klang verleiht den Songs ein unwiderstehliches Wildwest-Feeling und erobert damit im Nu die mittlerweile mitunter etwas Ideenlos gewordene Hard'n'Heavy-Szene. "Sleeping my Day away" wird zum Gassenhauer, doch auch Songs wie "Girl Nation", "Point of View" oder "Rim of Hell" mausern sich zu unsterblichen Hits. Die Frage war natürlich, was nach einem solchen Feuerwerk überhaupt noch folgen könnte. Nun, die Antwort heisst "Riskin' it all".

Zwei Jahre nach dem Durchbruch von "No Fuel left for the Pilgrims" legen D:A:D scheinbar unbekümmert nach. Völlig unbeeindruckt vom Erfolg des Vorgängers und unverkrampft schmettern die vier Dänen 11 Songs von ihren Instrumenten, als hätte es den Vorgänger gar nie gegeben. Also wieder Gretsch-Gitarren und Wildwest-Feeling? Jein. Einen Überhit wie "Sleeping my Day away" sucht man genauso vergebens, wie Songs mit der expliziten Verwendung des Gretsch-Klangs. Und dies mag auf den ersten Hörgenuss etwas ernüchternd oder enttäuschend klingen. Doch hat man die Scheibe erst mal ganz durch, wird man eingestehen müssen, dass D:A:D auf "Riskin' it all" alles richtig gemacht haben:


Das Songwriting ist ausgereifter, die Ideen frischer und vor allem ausgewogener. Es fehlt zwar der Referenzsong, doch das machen die Dänen mit viel Abwechslung locker wieder wett. Denn im Gegensatz zum Vorgänger befinden sich auf "Riskin' it all" keine Füllersongs und Durchschnittsware der Marke "Zcmi", "True Believer", "Siamese Twin" oder "Overmuch". Das Spektrum reicht von flotten Rockern wie "Bad Crazyness", "Rock 'n Rock Radar" oder "Makin' Fun of Money", über stimmungsvolle Bikerhymnen wie "D-Law", dem reisserischen Titeltrack, dem Lagerfeuersong "Laugh 'n a 1/2", bis hin zu bluesigen oder gar jazzig angehauchten Nummern wie "I won't cut my Hair" oder "Down that dusty 3rd World Road". Und bei "Day of Wrong Moves" und "Grow or Pay" gibt's sogar eine Wiederbegegnung mit der Gretsch-Gitarre, während man bei "Smart Boy can't tell ya'" bis in die punkigen Gefilde vorrückt.

Ja, weder der aufkeimende Deprosound des Grunge konnte dieses Juwel ersticken, noch die Kampfansage und Anklage von Disney aufgrund des Bandnamens die musikalische Ausrichtung der Band durcheinanderbringen. D:A:D, ursprünglich die Abkürzung für Disneyland After Dark, hielten unbeirrt an ihrem Weg fest und verarbeiteten solche Kümmernisse und Probleme der Anderen in ihren ironisch-humorvollen Texten.

D:A:D, das ist Dynamit aus Dänemark - zumindest und zuallererst mal musikalisch.

9 / 10

Credits: Warner Bros. Records / WEA International Inc. 1991



Sonntag, 14. Juni 2015

Die kanadische Metal Queen


LEE AARON

Bodyrock

(Rock, Hardrock, AOR)


Sie war in einer von Männern dominierten Musikszene die hochgelobte Metal Queen der 80er und teilte diesen Titel - zumindest was den Bekanntheitsgrad anbelangt - mit der deutschen Blondine Doro Pesch: die Rede ist natürlich von niemand anderem als von der Kanadierin Karen Lynn Greening, besser bekannt unter dem Namen Lee Aaron. Und auch wenn Lee Aaron mit dem Titelsong "Metal Queen" lediglich eine Anspielung aus dem Trickfilm "Heavy Metal" und die darin thematisierten Stereotypen verarbeitet, wird ihr auch gerade aufgrund des kommerziellen Erfolg des Albums fortan der Titel angeheftet, auch wenn Lee selbst immer wieder in Interviews beteuerte, dass sie selbst sich nicht als Metal Queen sehe.

Jedenfalls bescherte der Titel Lee Aaron die beste Grundlage, um musikalisch als Rockerbraut so richtig durchzustarten. Nicht nur weil die gute Frau eine Augenweide war - und es auch heute nach wie vor ist (und ja, das darf man auch ungeniert als verheirateter Mann sagen, wie auch als Frau neidlos anerkennen dürfen) - sondern auch stimmlich die Männerdomäne eroberte. Bis in die Anfänge der 90er beglückte Lee Aaron als Metal Queen das Goldene Zeitalter des Heavy Metal mit einfachem, eingängigem und radiotauglich ausgerichtetem Hardrock, den man heute höchstens noch als Heavy Rock, Melodic Rock oder AOR einstufen würde. "Bodyrock" aus dem Jahr 1989 bildet dabei den Höhepunkt aus kreativer Sicht und fasst die musikalische Bandbreite am besten zusammen.


Zwar erfindet Lee Aaron weder den Hardrock neu, noch findet man in ihrer Mucke irgendwelche innovative oder prägende Genreelemente. Die Musik an sich ist solid, kurzweilig und abwechslungsreich, besticht aber durch die erfrischende Gitarrenarbeit von John Albani und der herausragenden und unverkennbaren Stimme von Lee. So rocken Stücke wie "Nasty Boys", "Rock Candy", "Gotta Thing for You" oder "Shame" schon mal flott die nächste Party, während man immer wieder von der Hitdichte und den Hooks bei Songs wie "Tough Girls don't Cry", "Watcha do to my Body", "Rock the Hard Way" oder "Hands On" regelrecht überschüttet wird. Die Herzschlaghymne "Sweet Talk" kann ebenso überzeugen wie das groovige "Rebel Angel", während die Ballade "How Deep" dann doch etwas zu viel des Guten ist.

Alles in allem erlebt man auf "Bodyrock" Lee Aaron in Bestform. Liebhaber von 80's Rock und Metal haben die Scheibe eh bereits in ihrer Sammlung und schätzen sie als Evergreen. Aber auch allgemein Freunde von melodischem Rock sei dieser Klassiker wärmstens empfohlen. Wer möchte schon die kanadische Metal Queen in seiner Sammlung missen? Na also.

9 / 10

Credits: Attic Productions Limited 1989

Montag, 1. Juni 2015

A Matter of Class


IRON MAIDEN

A Matter of Life and Death

(Metal, Heavy Metal)


Kaum eine andere Band in der Geschichte des Heavy Metal hat sich dermassen in die Herzen gespielt wie diese Herren aus England - und dies praktisch ohne Airplay von Radiostationen. Weltweit gefeiert und dennoch bodenständig, ist ihr Einfluss auf die gesamte Metalszene unermesslich.

Wer gemeint hat, dass mit dem oft betitelten Magnum Opus "Seventh Son of a Seventh Son" der Zenit erreicht war und spätestens mit den beiden Alben der Bayley-Ära Iron Maiden zuweilen gar zu einer Mittelklasse-Band degradiert wurde, der hat die Rechnung ohne Auferstehung gemacht. Auferstehung in dem Sinne, dass Bruce und Adrian wieder zurück an Bord fanden und damit eine altbekannte Formation (zusätzlich um den dritten Gitarristen Jannick Gers erweitert) wiederbelebt und somit eine neue Maiden-Ära eingeläutet wurde. Mit "Brave New World" wurden dann auch alle Kritiker zum Verstummen gebracht, denn der angeblich glimmende Docht war nämlich alles andere als am erlöschen - im Gegenteil: Der Zündstoff, der die Flamme wieder zum lodern brachte, war nicht etwa ein unerklärliches Phänomen, sondern erfrischende Unbekümmertheit, um schlicht den Sound zu kreieren, der aus der Synergie dieser phantastischen Musiker einfach entsteht. Doch als beim Nachfolger "Dance of Death" vermehrt Anzeichen einer progressiveren Soundausrichtung wahrnehmbar wurden, trauerten viele bereits den alten und unsterblichen Klassikern nach und liessen sich mit dem neuen Material womöglich zu wenig Zeit. Was dann mit "A Matter of Life and Death" folgte, riss den Graben endgültig auf. Um nämlich Iron Maiden ab Anno 2000 zu verstehen, kommt man nicht drum herum, diesen Graben zu überqueren.


"A Matter of Life and Death" zeichnete sich nämlich bis dato als das sperrigste Album der Bandgeschichte aus. Auch wenn das Album mit "Different World" gewohnt flott und direkt in typischer Maiden-Manier eröffnet wird, bleibt man bereits bei den beiden folgenden Stücken hängen. Die mittlerweile progressivere Ausrichtung verlangt genaueres Hinhören und es ist im ersten Moment etwas frustrierend, wenn kaum eine Melodie hängen bleibt. Was soll das? Keine Bange, es ist immer noch 100% Iron Maiden, einfach kompakter, konzentrierter und komplexer. Bereits "The Pilgrim" ist das erste Beispiel dafür: obwohl der Song in seiner Einfachheit und Heavyness durchaus aus dem Powerslave-Album stammen könnte, ist er um seine Tempowechsel und mehreren verflochtenen Riffs und Hooks vielschichtiger. Auch sind die Stücke allgemein länger (10 Songs bei einer Gesamtspieldauer 72 Minuten!) und etwas düsterer und manchmal bedrückender, aber deswegen nicht minder kraftvoll gehalten. Songs wie "The Longest Day", "The Legacy" oder das fantastische "For the Greater Good of God" zeichnen sich durch einen eher ruhigen Aufbau, anspruchsvollere Strukturen und einer dichten Atmosphäre aus. Wer also bei den Vorgängeralben bei Songs wie "Hallowed be thy Name", "To Tame a Land", "Afraid to Shoot Strangers" oder dem Opus "Rime of the Ancient Mariner" (vor allem der Mittel- und Schlussteil) etwas abgewinnen konnte, der sollte mit der musikalischen Ausrichtung von "A Matter of Life and Death" eigentlich problemlos klarkommen.

Das klingt nun alles relativ komplex, sperrig und vielleicht auch etwas kopflastig. Doch die Tatsache, dass dieses Album in gerade nur 9 Wochen geschrieben, komponiert, geprobt und praktisch komplett live eingespielt und aufgenommen wurde, zeigt eindrücklich, über welche musikalische Professionalität, Fertigkeit und Spontaneität diese Band verfügt. Das Album klingt frisch, unverbraucht und wie aus einem Guss. Und auch wenn "A Matter of Life and Death" kein Konzeptalbum ist, so liegt der Scheibe dennoch die Thematik Krieg und Religion zugrunde, was vielleicht den etwas düstereren Sound erklären dürfte.

Abschliessend kann man sagen, dass die sechs Briten um Mastermind Steve Harris unaufhaltsam und treu ihre musikalische Odyssee weiterführen und mit "A Matter of Life and Death" zum wiederholten Mal die Referenzklasse erreichen, auch wenn man durchaus auch erst nach ein paar Ehrenrunden zu diesem Votum gelangen dürfte.

Punkte: 10 / 10

Credits: Iron Maiden Holdings Ltd. / EMI Records Ltd. 2006 


Mittwoch, 6. Mai 2015

Ich ...und die Anderen


Selbstlosigkeit, ein Wort, welches nicht nur alt, verbraucht oder gar esoterisch angehaucht klingt, sondern heutzutage auch komplett aus dem gesellschaftlichen Repertoire - und zwar in Wort und Tat - verschwunden zu sein scheint. Tatsächlich klingt das Wort uncool und ist in seiner praktischen Umsetzung unbequem. Ich meine, wer will schon etwas von sich selbst lösen bzw. aufgeben? Oder wer verzichtet schon freiwillig auf die eigenen Vorteile? Dann lieber: Wie du mir, so ich dir - ein einfaches Vergeltungsprinzip, welches wunderbar in der Gesellschaft funktioniert. Aber... was ist, wenn jemand nicht Gleiches mit Gleichem vergelten kann? Das Prinzip fängt an zu zerbröckeln.

Ein altes italienisches Sprichwort sagt: "Gib einem Armen und du machst ihn reich - Gib einem Reichen und du machst ihn arm". So simpel dies auch klingt, umso tiefere Weisheit verbirgt sich darin. Einem Armen (oder einem weniger Bevorteilten / Privilegierten) zu geben heisst nämlich nichts anderes, als im Wissen zu handeln, nichts auf gleicher Ebene zurück zu erhalten; es ist ein Handeln aus Selbstlosigkeit. Vergleichbar mit einer Mutter, die ihr Leben für ihr Kind einsetzt und bis zu dessen Selbständigkeit (und in den meisten Fällen darüber hinaus) sich selbstlos investiert. Es ist ein Handeln aus Agape, einem griechischen Begriff, den man als "göttlich inspirierte, uneigennützige Liebe" übersetzen kann.


Nun könnte man einwenden und sagen, welcher Dummkopf investiert schon ins Leere, in Etwas, wo man nicht einmal weiss, was oder ob jemals überhaupt etwas zurückkommt. Genau das ist eben der Punkt, darum heisst es selbstlos: man gibt, ohne etwas dafür zu verlangen - Risiko auf höchstem Niveau. Aber dieses Risiko birgt ein grosses Geheimnis in sich. Denn was man angeblich ins Nichts investiert hat, wird irgendwann einmal in irgend einer Form x-fältig zurückkommen. Nicht wie bei der Börse, nicht kalkuliert, sondern als Akt des gelassenen Vertrauens. Ich meine, welche Mutter verlangt jeden Cent, den sie jemals investiert hat, von ihrem Kind zurück? Nicht zu reden von Geduld, Zeit oder den Schmerzen und Tränen. Aber allein zu sehen, dass ihr Kind glücklich ist, ist ihr das alles Wert und überwiegt alles!

Selbstlosigkeit ist das Glück des Anderen und zugleich der grösste persönliche Kredit, den man überhaupt anhäufen kann. Selbstlosigkeit ist so mächtig, dass sie imstande ist, demjenigen, der alles hat, alles auszuziehen: Stolz, Habgier und Egoismus verkümmern im Angesicht der Selbstlosigkeit vor sich hin. Man stelle sich vor, wie ein Wohlhabender von einem Bettler beschenkt wird... klar, in sich ein Widerspruch, doch allein die Vorstellung ist für den Wohlhabenden eine Demütigung; sie sagt aus, dass trotz allem Besitz immer noch etwas fehlt.

Heisst das jetzt, dass man am Besten sich selbst aufgeben und alles verschenken soll? Natürlich nicht, das wäre künstlich, gesetzlich und komplett am Ziel vorbeigeschossen. Es heisst lediglich, dass man den eigenen eingeschränkten Horizont erweitert, sein Umfeld bewusster wahrnehmen lernt und "ds Füfi laht la grad sii" bzw. bedingungsloser handelt: Zum Beispiel einen Drink oder Snack spendieren, ohne die Erwartung haben zu müssen, dasselbe umgehend zurückzuerhalten. Oder auf den letzten geliebten Keks verzichten und ihn dem vorwitzigen Kind überlassen, auch wenn man weiss, dass dieses in jenem Moment womöglich nicht mal dankbar ist. Oder schlicht und einfach jemandem eine Freude machen - einfach so. Die Möglichkeiten sind unbegrenzt, der persönliche Kredit unverwüstlich.
Ja, etwas mehr Selbstlosigkeit - oder eben Agape, könnte diese egozentrierte Welt durchaus vertragen und würde sie zu einem angenehmeren Ort machen.


Montag, 4. Mai 2015

Filigrane Schweizer Technik


CORONER

Mental Vortex

(Metal, Technical Thrash Metal)


Die kleine, unscheinbare und im globalen Weltgeschehen kaum wahrnehmbare Schweiz - das Land der schönen Berge und Täler, der beliebten Milchschokolade, dem typisch grosslöcherigen Käse, den praktischen Taschenmessern und den präzisen Uhren. Und ja, der grossartigen Musik! Oder hat jemand die legendären Krokus vergessen? Oder Gotthard? Und während man mit Eluveitie bereits die nächste grosse CH-Band des extremen Musikbereichs weltweit feiert, hat zuerst noch eine andere Band, die man nur allzu oft übersieht und vergisst, eine Erwähnung verdient: Coroner. Seinerzeit noch als Roadies bei Celtic Frost engagiert, entschieden sich Tommy T. Baron (Tommy Vetterli) und Marquis Marky (Marky Edelmann) zusammen mit Ron Royce (Ron Broder) zur Gründung einer eigenen Band.

Während Celtic Frost mit ihrem düsteren, schweren und experimentellen Sound schliesslich sowohl den Black als auch den Death Metal nachhaltig mitprägten, steuerten Coroner in eine eindeutig technischere Richtung. Denn während die meisten Thrash Metal Bands Anno 87 sich zunehmend mit Geschwindigkeit und Härte um die Wette zu spielen schienen, lancierten die drei Zürcher mit "R.I.P." ein Debut auf den Markt, welches viele Kritiker mit offenem Mund zurückliess: rauh, schnell und technisch präzise wie ein Schweizer Uhrwerk vermischten Coroner klassische Musik und zuweilen sogar Jazzelemente in kompromisslosen Thrash Metal - Volltreffer! Und in den Nachfolgewerken "Punishment for Decadence" und "No More Color" steigerte man sich zunehmend, wurde noch komplexer und versierter und entwickelte sich so zu einem heissen Eisen im Untergrund und zu einer regelrechten Kultband.

Album Nummer 4 "Mental Vortex" aus dem Jahr 1991 wird von vielen Kritikern und Fans als das Referenzwerk (oftmals zusammen mit "No More Color") der Band angesehen. Tatsächlich fliesst in diesem Werk alles zusammen, was Coroner auf den bisherigen Alben auszeichnete. Der auffallendste Unterschied zu den bisherigen Alben ist die deutlich klarere und sauberere Produktion. Zudem wagen es die Schweizer hier nach drei kompromisslos schnell gezockten Alben das Tempo zu reduzieren und mit deutlich mehr Mid-Temponummern einem technisch makellosen und groovigen Sound ihren Stempel aufzudrücken. So klingen "Son of Lilith", "Semtex Revolution", "Sirens" oder das jazzige "Pale Sister" zwar etwas gedrosselt (zumindest was das Tempo anbelangt), dafür aber total heavy, kompromisslos und wuchtig an Riffs und groovig ohne Ende. "Metamorphosis" setzt dann all dem die Krone auf - besser könnte man Technical Thrash Metal nicht umschreiben. Doch auch die schnelleren Nummern "Devine Step" und "About Life" überzeugen restlos, zeichnen sich aber zusätzlich durch ihre Komplexität und durch ein ausgefeilteres Songwriting, welches hier einen vorläufigen Höhepunkt der Bandgeschichte erreicht, aus. Und als wäre dies noch nicht genug, so wird dieses Glanzalbum mit dem Beatles-Cover "I want You (She's so heavy)" abgerundet. Und ja, es klingt zwar total nach Coroner, ist aber in seinem Kern und Charme ganz klar erkennbar - schlichtweg top!


Ja, man glaubt es kaum, aber Qualität solchen Kalibers blieb Jahre, ja gar Jahrzehnte verkannt. Drei hochtalentierte Musiker, die einfach um ihre Anerkennung gebracht wurden, auch wenn sie von Insidern oder heute als stilbildend geltende Bands wie Death als Inspiration und mitunter als musikalischer Einfluss genannt wurden. Und auch wenn nach mangelnder Promotion, wenn nicht gar Ausbeutung von Seiten des Labels, die Band 1996 einen Strich unter die Rechnung machte und sich auflöste, entschied man sich 2010 zu einer Re-Union, nachdem Fans aus aller Welt die drei Herren unaufhörlich darum baten.

Um es auf den Punkt zu bringen: Wer nur annähernd etwas für Thrash Metal übrig hat, der sollte Coroner unbedingt eine Chance geben. Und wer technisch hochstehenden Thrash Metal mag, der kommt an dieser Band schlichtweg nicht vorbei. Für mich jedenfalls musikalisch das Grossartigste, was die Schweiz an metallischen Klängen je hervorgebracht hat - ja, isch so imfall.

Ach, und um noch eine augenzwinkernde Fussnote hinzuzufügen: Die letzten drei Alben (ebenfalls ab 2010) der heute erfolgreichsten Metalband der Schweiz Eluveitie wurden von niemand geringerem als von einem gewissen Tommy Vetterli produziert...

Punkte: 10 / 10

Credits: Noise Records 1991 / 2003 (Reissue) / Death Cult Switzerland 2013

Freitag, 1. Mai 2015

Slovakia rocks - welch ein Sturm!


SIGNUM REGIS 

  Through the Storm (EP)

(Metal, Melodic Metal, Power Metal, Heavy Metal)


Wer eine Vorliebe für melodischen Power Metal europäischer Prägung hat, dem ist vermutlich in den letzten Jahren der Name Signum Regis nicht entgangen. In der Tat konnten sie mit ihrem letzten Werk "Exodus" und ein paar Live-Auftritten an kleinen Festivals in Europa durchwegs positiv auf sich aufmerksam machen. Dass die Slowaken aber davor bereits zwei Alben veröffentlicht hatten und mit praktisch identischer Besetzung auch mit den weiteren Projekten Vindex und Trigger nicht weniger erwähnenswerte Alben vorzuweisen haben, dürfte nur wenigen bekannt sein. Dass diese beiden Projekte eingestellt wurden, liegt daran, dass es mit dem jeweiligen Sänger aus Kapazitätsgründen nicht klappte. Auch die beiden ersten Signum Regis Alben wurden mit dem Schweden Göran Edman eingesungen, der sich aber letztendlich nur als Session- bzw. Gastsänger erwies. Und nachdem man für "Exodus" auf eine ganze Reihe von Gastsängern zurückgriff, um die verschiedenen Geschichtsthemen möglichst vielseitig auszudrücken, war die Frage nach dem geeigneten, fixen Sänger immer noch nicht gelöst. Erst bei den Proben für Liveauftritte entdeckte man mit Mayo Petranin einen versierten Mann, der schliesslich als festes Mitglied in die Band aufgenommen wurde.

Was während den Probesessions (von denen übrigens ein paar Songs davon offiziell auf Youtube kursieren) und den Liveauftritten bereits überzeugend klang, findet sich nun auf der vorliegenden EP als definitive Feuerprobe wieder und die meistert Mayo nicht nur bravurös, sondern geradezu tadellos. Sein Gesang bewegt sich weniger in den hohen Tonlagen wie die von Göran Edman und praktisch allen Gastsängern auf "Exodus", ist dafür voluminöser und nachdrücklicher. Das ist womöglich der Hauptgrund, weshalb sich die neuen Songs vom bisherigen Material unterscheiden: weniger verspielt, direkter und zugänglicher. Dies mag den Kenner des bisherigen Signum Regis Materials womöglich erstaunen, da die neoklassischen und leicht progressiven Elemente der beiden ersten Scheiben nicht mehr im Vordergrund stehen.

So legen die Herren mit "Living Well" schon mal los wie die Feuerwehr. Die auffallend glasklare Produktion ist dabei nicht nur ein regelrechter Ohrenschmaus, sondern offenbart die diskussionslose Klasse der einzelnen Musiker. So tanzt Gitarrist Filip Kolus nicht nur in atemberaubender Geschwindigkeit, sondern zudem äusserst präzise über die Saiten, verliert sich dabei aber nicht einen einzigen Augenblick in sinnfreier Dudelei. Seine fetten Riffs mit neoklassischem Einschlag und seine Solos sind einfach ein wahrer Genuss. Untermauert wird dies durch Bassist Ronnie König, der nicht einfach nur den perfekten Rhythmusteppich legt, sondern sich mit seiner Fertigkeit immer wieder Läufe erlaubt, die einer zweiten Gitarre gleichkommen - also etwas, das man vor allem von dominanten Bassisten wie Steve Harris kennt. Und da braucht sich Herr König mit seinem Geschick keineswegs zu verstecken. Das Tempo wird durch den Taktgeber Jaro Jancula vorangetrieben, der sich keine Blösse gibt und sich souverän durch alle möglichen Taktwechsel und Breaks hindurch knüppelt. Jan Tupy agiert als Keyboarder zwar nur im Hintergrund, verleiht aber den Hooks im richtigen Moment die nötige Veredelung. Und nicht zuletzt Sänger Mayo Petranin, der bereits nach den ersten Tönen klarmacht, dass er perfekt in die Soundkulisse von Signum Regis passt.


Konnte der Opener mit seiner Schlichtheit und den eingängigen Melodien punkten und durch die erfrischende Spontaneität überzeugen, wird mit "Through the Desert, Through the Storm" alles auf den Punkt gebracht, was eine Heavy Metal Hymne ausmacht: Treibende Riffs im Mitnicktempo und ein Refrain, den man spätestens beim zweiten Durchgang am liebsten lauthals mitsingen will:

...through the desert, through the storm, in sharp wind I go 
raging fire, driving rain, a wild hurricane 
days of sorrow are now gone, I'll soon find my home 
no, you cannot stop me now, I am on my way...

Und weil es so toll war, wird mit "My Guide in the Night" umgehend grossartig nachgedoppelt - einfach fantastisch, herrlich! Und wenn bei "Come and take it" das Tempo etwas zurückgehalten wird und man sich schon auf eine Verschnaufpause eingestellt hat, so wird man hier regelrecht in die 80er versetzt - mit Hooks, welche problemlos aus der Feder eines Desmond Child (Songwriter und Produzent für Kiss, Bon Jovi, Aerosmith, Alice Cooper u.a.) stammen könnten. Mit "All Over the World" offenbart sich dem Kenner schliesslich eine neue Version eines beliebten Songs aus dem eigenen Debutalbum, den man hier einerseits produktionstechnisch in glänzender Form hört, andererseits Mayos Stimme dem Song einen eigenen Stempel aufsetzt. Und zum Schluss gibt's noch eine Coverversion von Malmsteens "Vengeance". Wer jetzt meint, das Coverversionen immer im Schatten des Originals stehen und Yngwie eh eine Schuhnummer zu gross ist, der darf sich gerne durch die technischen Fähigkeiten der 5 Slowaken eines Besseren belehren lassen...

Donnerwetter, Wahnsinn! Ja, das waren die ersten Gedanken, die mir durch den Kopf schossen, als ich diese EP zum ersten Mal hörte. Und selbst nach unzähligen Durchläufen fasziniert mich das Teil nach wie vor, versetzt mich in tolle Stimmung und ich kann kaum mehr aufhören, die Repeat-Taste zu drücken. Man spürt, wie viel Leidenschaft und Herzblut in dieses kleine Album geflossen sind und dabei nichts der blossen Zufriedenheit überlassen wurde: jede Note sitzt, jede Textzeile passt. Wer so grossartig komponiert und musiziert gehört einfach nicht länger unter den Scheffel, das wäre höchst sträflich.

Für mich jedenfalls der bisher beste Output von Signum Regis, welcher die Messlatte für den Ende dieses Jahres erscheinende Longplayer enorm hoch ansetzt. Aber wenn die Herren das Niveau der EP halten können, dann wird man es mit einem ernsthaften Kandidat für den engeren Kreis "Album des Jahres" zu tun haben - dafür bürge ich.


Punkte: 9.5 / 10

 Credits: Ulterium Records 2015

Mittwoch, 8. April 2015

Young & Old School? Danke sehr!


SKULL FIST

Chasing the Dream

(Metal, Heavy Metal, Power/Speed Metal)


Ja, ich gebe es zu, bei Metal der Alten Schule neige ich zu besonderer Schwäche; ich werde augenblicklich hellhörig, es zieht mir die Mundwinkel nach oben, mein Puls steigt an, Gänsehaut breitet sich aus und ein unwiderstehliches Mitwippen im Takt steigern sich zu einem unübertrefflichen Stimmungsbarometer. Dass dies bei Klassikern vorkommt, ist eine Sache. Der andere erfreuliche Fakt ist der, dass sich selbst in einem völlig übersättigten Markt von extremen Metal-Entwicklungen zunehmend junge Bands an der Alten Schule orientieren und unbeeindruckt auf jegliche Trends pfeifen.

So haben Skull Fist aus Kanada schon mit ihrer EP im Underground von sich Reden gemacht und mit dem darauffolgenden Debutalbum "Head öf the Pack" so manchem 80's-Nostalgiker ein Strahlen aufs Gesicht gezaubert. Mit "Chasing the Dream" folgt man unbeirrt dem eingeschlagenen Pfad und sendet damit ein ganz klares Signal, welches die traditionelle Metalgemeinde erfreuen wird und um einen weiteren Hoffnungsträger bereichert: klassischer Heavy/Speed Metal der Marke Riot in bester "Thundersteel"-Manier wird hier während knapp 37 Minuten zum Besten gegeben. Konkret heisst das, dass man Gitarrenläufe und -riffs in Hochgeschwindigkeit erwarten darf, von treibenden Bässen und Drums streckenweise regelrecht überfahren wird und haufenweise Refrains zum Mitsingen kriegt.


Stimmt, diese Art von Metal ist nicht jedermanns Sache. Und spätestens beim (zugegebenermassen gewöhnungsbedürftigen) hohen Gesang von Zach Slaughter wird es manchem Runzeln in die Stirn drücken und den ganz Empfindlichen gar Vorzeichen für einen Tinnitus hervorrufen. Doch was das ungeschulte Ohr womöglich noch zu schätzen lernen muss, ist beim Kenner längst eine willkommene Beilage. Denn mal vom Gesang abgesehen, lassen Skull Fist nun wirklich nichts anbrennen und lassen mit 9 abwechslungsreichen Songs den Spirit der 80er so richtig aufleben: Vom rassigen Opener "Hour to Live", über die Hymnenhaften "Bad for Good" oder "You're gonna Pay" bis hin zum Instrumentalen "Shreds not Dead" wird man daran erinnert, warum die traditionelle Schmiede des Schwermetalls so unwiderstehlich ist - es bläst einem einfach weg! Und "Don't stop the Fight", aber vor allem "Sign of the Warrior" ziehen selbst den heute so grossen Dragonforce die Klammotten aus und lassen sie daneben wie eine Teenie-Boygroup aussehen.

Also ein Meisterwerk? Schwer zu sagen, weil es als solches weder angepriesen wird, noch dazu gedacht ist, eines zu sein. Und vielleicht gerade deswegen ist "Chasing the Dream" so faszinierend, weil es einfach frisch von der Leber und voller Herz daherkommt - egal, ob Skull Fist damit weiterhin nur im Underground abräumen oder ob irgendwann mal auch andere auf den Geschmack kommen. Wie auch immer die Geschichte mit dieser Band weitergehen wird, ein Kultwerk ist "Chasing the Dream" allemal.

Punkte: 8.5 / 10

Credits: NoiseArt Records 2014