Aus einer Sammlung von:
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Freitag, 4. September 2015

Oparock? Von wegen...


[Im WebZine Whiskey-Soda veröffentlicht]


IRON MAIDEN

The Book Of Souls

(Metal, Heavy Metal)


Ende dieses Jahres, genauer genommen am 25. Dezember, wird die mittlerweile zur Metal-Institution herangewachsene Band Iron Maiden ihr 40stes Jubiläum feiern. Und eigentlich gäbe es jetzt Unmengen an Geschichten und Hintergrundwissen über dieses Phänomen zu berichten. Doch dafür empfiehlt sich wärmstens die DVD "The History of Iron Maiden Part 1: The Early Days" und die jeweiligen Doku-Fortsetzungen auf den DVDs "Live After Death" und "Maiden England '88" oder ganz einfach der Film "Flight 666".

Spricht man von Iron Maiden, herrscht zumindest in der Metal-Szene Ehrfurcht und allgemein im Musikbusiness Respekt. Ganze drei Dekaden hat man die Rockmusik verblüfft, begeistert, geprägt und mit unsterblichen Songs beschenkt. Generationen von Bands berufen sich auf die Eisernen Jungfrauen als ihr musikalisches Erbe und Maskottchen Eddie ziert nicht nur die Albumcover und ist während den Live-Shows ein wichtiger optischer Bestandteil, sondern geniesst auf der ganzen Welt Kultstatus.

Gibt es eigentlich etwas, was über Iron Maiden noch nicht erzählt wurde? Ach ja, das neue Album... Fünf Jahre liegen zwischen dem letzten Studio-Output "The Final Frontier" und dem heiss erwarteten "The Book of Souls". Fünf Jahre, während denen die mittlerweile an die 60 Lenzen klopfenden Herren einerseits mit der "The Final Frontier" Promo-Tour und zuletzt mit der beliebten und äusserst erfolgreichen Retro-Tour "Maiden England" die ganze Welt bereisten. Die Welt hat noch nicht genug Eisen, Alt und Jung feiern die immer noch motivierten und spielfreudigen Mannen, bis anfangs 2015 eine Nachricht die Metal-Welt in Atem hält: Bei Frontmann Bruce Dickinson wird ein Tumor auf der Zunge diagnostiziert - er unterzieht sich einer entsprechenden Behandlung. Das Album ist zwar bereits im Kasten, doch die Band beschliesst, den weiteren Prozess zu unterbrechen, bis über Dickinsons Zustand eine definitive Diagnose gegeben werden kann. Erst die erlösende Botschaft des besiegten Tumors führt die Herren wieder ins Studio, wo noch der letzte Schliff und schliesslich die Bekanntgabe des Releasedatums gegeben werden. Doch bereits beim Erscheinen der Vorab-Single 'Speed of Light' wurden die vielen Begeisterungsstürme durch das Gemecker der ewig Unzufriedenen getrübt.

Das erste Doppel-Album der Bandgeschichte (Live-Alben und Compilations ausgeschlossen) kündigte sich mit seinen monumentalen 92 Minuten und dem bisher längsten Stück (das 18-minütige 'Empire of the Clouds' löst den bisherigen Rekordhalter 'Rime of the Ancient Mariner' mit seinen grandiosen 13 Minuten ab) als ein weiterer harter Brocken innerhalb der progressiven Soundevolution von Iron Maiden an. Nicht alle Maiden-Fans der ersten Stunde konnten nämlich gleich gut mit der Entwicklung der Post-Reunion-Alben leben. Doch 'Speed of Light' donnert überraschend direkt, simpel und mitreissend aus den Boxen und man fühlt sich umgehend in die 80er-Ära versetzt. Aber das ist nur der Anfang...


Wer bei den letzten beiden Alben "A Matter of Life and Death" und "The Final Frontier" schon fast verzweifelt versucht hat, sich durch den sperrigen Soundnebel zu kämpfen, um Maidens Schätze auch in den progressiven Strukturen zu entdecken oder sich schlicht die Scheiben nahezu schönhören musste, der darf getrost sein: "The Book of Souls" führt diesen Weg nicht fort. Bereits der Opener 'If Eternity Should Fail' bleibt sofort im Ohr hängen und besticht nebst grossartigem Refrain durch die typische Instrumentalisierung und die zweistimmigen Gitarrenharmonien, die trotz ihrer Einfachheit Maiden zu dem gemacht haben, was sie Heute sind und deshalb diesbezüglich in einer eigenen Liga spielen lässt.
Und genau diese Einfachheit zieht sich durch das gesamte Album, welches zudem wieder durch eine etwas druckvollere Produktion daherkommt und die Trümpfe des 16. Outputs der Band klar offenlegt: Bruce ist in Höchstform und man würde nie im Leben darauf kommen, dass der gute Mann bereits während seinen Sessions einen Tumor auf der Zunge hat. Das Gitarrentrio Murray / Smith / Gers liefert sich ein Riff- und Solobattle par excellence und zeigt wahrscheinlich zum ersten Mal so richtig, wie man drei Gitarren markant und optimal einsetzt. Über den Rhythmusteppich Harris / McBrain braucht man sowieso keine weiteren Worte, das ist selbsterklärend genug. Einzig ein nicht unwesentliches Detail sei hierbei angefügt, welches vor allem das Songwriting betrifft: Mastermind Steve Harris hat sich auf "The Book of Souls" erstaunlich zurückgenommen und fungiert zwar bei sechs Songs als Co-Writer, überlässt aber bei den übrigen Songs die Feder hauptsächlich Bruce und Adrian Smith.

'The Red and the Black' ist die einzige reine Harris-Komposition auf dem gesamten Doppel-Album, aber was für ein Monument das ist! Ein 13-minütiger Marsch - den man durchaus als 'Rime of the Ancient Mariner - Part 2' bezeichnen könnte - der sich mit seinen Riffs, Solos und Mitsingparts nahtlos in die Reihe der ganz grossen Hits der Bandgeschichte einreiht und zu einem absoluten Live-Knüller werden dürfte. Cheers 'Arry!

Ebenfalls monumental (10:27 Min.), aber etwas sphärischer geht's im Titeltrack zu. Statt oft vorgeworfenes Recycling der eigenen Sachen, spielen Maiden hier in neuer Frische auf - herausragend. Überhaupt erlebt man auf dem gesamten Album eine spürbare Spielfreude und Inspiration, welche sich ohne progressive Umwege sehr direkt entfaltet. Knackige Nummern wie 'When the River Runs Deep', 'Death or Glory' oder das fantastische 'Shadows of the Valley' klingen auf den ersten Hörgenuss vielleicht austauschbar, doch hört man einmal die grossartige Instrumentalisierung und das einzigartige Zusammenspiel der Band heraus, wird schnell klar, auf welchem Niveau man sich befindet. Und auch bei den etwas ruhigeren Stücken 'The Great Unknown', 'Tears of a Clown' (übrigens eine Hommage an den verstorbenen Schauspieler Robin Williams) oder 'The Man of Sorrows' verliert man sich nicht in der Langeweile, sondern baut auch dort gekonnt ein Emotionsgerüst auf.

Und da wäre ja noch der Abschluss des Albums, 'Empire of the Clouds'. Meine Güte. Sowas hat man von Iron Maiden in dieser Form noch nie gehört: Piano, Violine und ein Einstieg, der wie aus einem Kinosoundtrack anmutet und dann eine Soundkulissenentwicklung, die einem während 18 Minuten nur noch Gänsehautfeeling verschafft. 18 Minuten mögen nach viel klingen, aber keine einzige Sekunde davon, in der das tragische Unglück des Verkehrsluftschiffs R101 musikalisch verarbeitet wird, ist zu viel. Schlicht meisterhaft!

Fazit? Nun, die Erwartungen an eine Band wie Iron Maiden sind verständlicherweise gross. Doch dass die sechs Briten in ihrem Alter noch imstande sind, während 92 Minuten ein solches Feuerwerk abzuliefern, hätte ich ihnen ehrlich gesagt nicht zugetraut. Nicht selten mit Freudentränen in den Augen komme ich auch nach dem wiederholten Durchlauf zum selben Schluss: besser als auf diesem Album kann Iron Maiden Anno 2015 nicht klingen. Kann sich "The Book of Souls" also gar mit den Klassikern aus den 80ern messen? Schwer zu prognostizieren, das wird der Test der Zeit offenbaren. Aber eines steht bereits jetzt fest: von der Post-Reunion-Ära ist "The Book of Souls" zweifellos das stärkste Album.

Ein Hoch auf diese grossartigen Herren! Long live the Irons!


Punkte: 10 / 10

Credits: Warner / Parlophone, Sanctuary Copyrights / BMG 2015


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