Aus einer Sammlung von: - Aktuelle, sowie vergessene musikalische Perlen aus der Welt des Rock und Heavy Metal - Lohnenswerte Filme - Gedanken aus aktuellem Anlass
Im Gegensatz zum europäischen Power Metal, der sich spätestens nach den beiden Keeper-Alben von Helloween etabliert hat und heutzutage im modernen Gewand nicht selten am Rand des Kitsch taumelt und damit vor allem die etwas härtere Metallerecke zu Nasenrümpfen und Apathie veranlassen, existiert die etwas kantigere Version aus den Staaten hauptsächlich im Untergrund und konnte kaum das grosse Los ziehen. Bands wie Metal Church, Vicious Rumors, Savatage oder Crimson Glory keimten zwar auch in den 80ern auf, wurden aber durch die deutlich kommerziellere Ausrichtung des europäischen Pendants zunehmend ignoriert und dafür umso mehr zu Kultbands, die aber heute eine regelrechte Renaissance feiern. Eine davon ist Riot. Ihre Werke "Fire Down Under" und vor allem "Thundersteel" werden unter Insidern als zwei der bedeutendsten Power/Speed Metal-Alben gefeiert.
Als Ende 2011 mit "Immortal Soul" Riot abermals nach den Sternen zu greifen schienen und nach 23 Jahren nochmal so richtiges Thundersteel-Feeling aufleben liessen, folgte kurz darauf die Hiobsbotschaft: Mark Reale, Gitarrist, Mitbegründer und Kopf der Band erlag seiner langjährigen Morbus-Crohn-Krankheit. Dennoch beschliesst die Band 2013 unter dem Namen Riot V die Geschichte fortzusetzen.
"Unleash the Fire" ist somit mitunter ein Tributalbum an Mark Reale geworden, dem gerade mal ganze zwei Songs ("Immortal" und "Until we meet again") unmissverständlich gewidmet sind. Aber wie klingt das Album? Kann Riot ohne Mark Reale überhaupt existieren? Das war die grundlegende Frage und die grössten Bedenken unter Fans und Kritikern. Doch was hier aus den Boxen brettert kommt völlig unerwartet und dürfte jeden einzelnen Skeptiker eines Besseren belehren, die Kinnlade mächtig nach unten ziehen und sogar die eine oder andere Freudenträne in die Augen treiben. Ein grosser Verdienst dafür bildet der neue Sänger Todd Michael Hall, der seine Künste bis in die hohen Tonlagen schlicht tadellos meistert und so dem typischen Riot-Sound die perfekte Stimme verleiht. Aber auch strukturell hat man sich nicht einfach generell auf das Referenzalbum "Thundersteel" beschränkt, um es dann krampfhaft zu kopieren versucht; die Atmosphäre des Klassikers aus dem Jahre 1988 ist zwar allgegenwärtig (und dies zum guten Glück und völlig zurecht!), doch Riot machen auch vereinzelt Gebrauch von etwas moderneren Elementen, was gewissen Songs deutlich mehr Groove verleiht und das Album so, trotz mehrheitlich hohem Tempo, sehr abwechslungsreich macht.
Ich mache mir gar nicht erst die Mühe, auf einzelne Songs einzugehen, denn wer das Album erstmal in den Player geschmissen hat und von den ersten Klängen begeistert sein wird, der wird "Unleash the Fire" nicht mehr weglegen wollen. Die Gitarren flitzen wie eh und je, die Hooks gehen sofort ins Ohr und entfalten sich innert Kürze zu Mitsinghymnen und die Rhythmussektion stampft und prügelt sich heroisch durch die herrlich old-schoolische, trockene Produktion. "Unleash the Fire" ist in der Tat ein Vorzeigealbum, welches weder im Schatten von "Thundersteel" steht, noch sich hinter der altbekannten und schon gar nicht aktuellen Konkurrenz zu verstecken braucht. Meiner Meinung nach - mit allem gebührenden Respekt Mark Reale gegenüber - haben sich Riot hier sogar selbst übertroffen und ihr Referenzalbum abgelöst. Ein Hoch auf die Renaissance des Edelstahls der Alten Schule!
Es ist das Jahr 1989 und die glorreiche Hard'n'Heavy-Ära scheint den Zenit erreicht zu haben und bietet kaum noch nennenswerte Innovationen, es sei denn noch mehr Hairspray, ausgefallenere Kleider und Schminke. Aber Moment mal, da waren doch noch diese Jungs aus Dänemark... Genau, D:A:D, um präzise zu werden. Mit simplem, eingängigem und melodischem Rock - angereichert mit Sleaze Rock und einem Schuss Punk - verblüffen die dänischen Freaks bei ihrem dritten Album "No Fuel left for the Pilgrims" in einzelnen Songs mit der Verwendung von Gretsch-Gitarren. Dieser unvergleichlich warme Klang verleiht den Songs ein unwiderstehliches Wildwest-Feeling und erobert damit im Nu die mittlerweile mitunter etwas Ideenlos gewordene Hard'n'Heavy-Szene. "Sleeping my Day away" wird zum Gassenhauer, doch auch Songs wie "Girl Nation", "Point of View" oder "Rim of Hell" mausern sich zu unsterblichen Hits. Die Frage war natürlich, was nach einem solchen Feuerwerk überhaupt noch folgen könnte. Nun, die Antwort heisst "Riskin' it all".
Zwei Jahre nach dem Durchbruch von "No Fuel left for the Pilgrims" legen D:A:D scheinbar unbekümmert nach. Völlig unbeeindruckt vom Erfolg des Vorgängers und unverkrampft schmettern die vier Dänen 11 Songs von ihren Instrumenten, als hätte es den Vorgänger gar nie gegeben. Also wieder Gretsch-Gitarren und Wildwest-Feeling? Jein. Einen Überhit wie "Sleeping my Day away" sucht man genauso vergebens, wie Songs mit der expliziten Verwendung des Gretsch-Klangs. Und dies mag auf den ersten Hörgenuss etwas ernüchternd oder enttäuschend klingen. Doch hat man die Scheibe erst mal ganz durch, wird man eingestehen müssen, dass D:A:D auf "Riskin' it all" alles richtig gemacht haben:
Das Songwriting ist ausgereifter, die Ideen frischer und vor allem ausgewogener. Es fehlt zwar der Referenzsong, doch das machen die Dänen mit viel Abwechslung locker wieder wett. Denn im Gegensatz zum Vorgänger befinden sich auf "Riskin' it all" keine Füllersongs und Durchschnittsware der Marke "Zcmi", "True Believer", "Siamese Twin" oder "Overmuch". Das Spektrum reicht von flotten Rockern wie "Bad Crazyness", "Rock 'n Rock Radar" oder "Makin' Fun of Money", über stimmungsvolle Bikerhymnen wie "D-Law", dem reisserischen Titeltrack, dem Lagerfeuersong "Laugh 'n a 1/2", bis hin zu bluesigen oder gar jazzig angehauchten Nummern wie "I won't cut my Hair" oder "Down that dusty 3rd World Road". Und bei "Day of Wrong Moves" und "Grow or Pay" gibt's sogar eine Wiederbegegnung mit der Gretsch-Gitarre, während man bei "Smart Boy can't tell ya'" bis in die punkigen Gefilde vorrückt.
Ja, weder der aufkeimende Deprosound des Grunge konnte dieses Juwel ersticken, noch die Kampfansage und Anklage von Disney aufgrund des Bandnamens die musikalische Ausrichtung der Band durcheinanderbringen. D:A:D, ursprünglich die Abkürzung für Disneyland After Dark, hielten unbeirrt an ihrem Weg fest und verarbeiteten solche Kümmernisse und Probleme der Anderen in ihren ironisch-humorvollen Texten.
D:A:D, das ist Dynamit aus Dänemark - zumindest und zuallererst mal musikalisch.
9 / 10
Credits: Warner Bros. Records / WEA International Inc. 1991
Sie war in einer von Männern dominierten Musikszene die hochgelobte Metal Queen der 80er und teilte diesen Titel - zumindest was den Bekanntheitsgrad anbelangt - mit der deutschen Blondine Doro Pesch: die Rede ist natürlich von niemand anderem als von der Kanadierin Karen Lynn Greening, besser bekannt unter dem Namen Lee Aaron. Und auch wenn Lee Aaron mit dem Titelsong "Metal Queen" lediglich eine Anspielung aus dem Trickfilm "Heavy Metal" und die darin thematisierten Stereotypen verarbeitet, wird ihr auch gerade aufgrund des kommerziellen Erfolg des Albums fortan der Titel angeheftet, auch wenn Lee selbst immer wieder in Interviews beteuerte, dass sie selbst sich nicht als Metal Queen sehe.
Jedenfalls bescherte der Titel Lee Aaron die beste Grundlage, um musikalisch als Rockerbraut so richtig durchzustarten. Nicht nur weil die gute Frau eine Augenweide war - und es auch heute nach wie vor ist (und ja, das darf man auch ungeniert als verheirateter Mann sagen, wie auch als Frau neidlos anerkennen dürfen) - sondern auch stimmlich die Männerdomäne eroberte. Bis in die Anfänge der 90er beglückte Lee Aaron als Metal Queen das Goldene Zeitalter des Heavy Metal mit einfachem, eingängigem und radiotauglich ausgerichtetem Hardrock, den man heute höchstens noch als Heavy Rock, Melodic Rock oder AOR einstufen würde. "Bodyrock" aus dem Jahr 1989 bildet dabei den Höhepunkt aus kreativer Sicht und fasst die musikalische Bandbreite am besten zusammen.
Zwar erfindet Lee Aaron weder den Hardrock neu, noch findet man in ihrer Mucke irgendwelche innovative oder prägende Genreelemente. Die Musik an sich ist solid, kurzweilig und abwechslungsreich, besticht aber durch die erfrischende Gitarrenarbeit von John Albani und der herausragenden und unverkennbaren Stimme von Lee. So rocken Stücke wie "Nasty Boys", "Rock Candy", "Gotta Thing for You" oder "Shame" schon mal flott die nächste Party, während man immer wieder von der Hitdichte und den Hooks bei Songs wie "Tough Girls don't Cry", "Watcha do to my Body", "Rock the Hard Way" oder "Hands On" regelrecht überschüttet wird. Die Herzschlaghymne "Sweet Talk" kann ebenso überzeugen wie das groovige "Rebel Angel", während die Ballade "How Deep" dann doch etwas zu viel des Guten ist.
Alles in allem erlebt man auf "Bodyrock" Lee Aaron in Bestform. Liebhaber von 80's Rock und Metal haben die Scheibe eh bereits in ihrer Sammlung und schätzen sie als Evergreen. Aber auch allgemein Freunde von melodischem Rock sei dieser Klassiker wärmstens empfohlen. Wer möchte schon die kanadische Metal Queen in seiner Sammlung missen? Na also.
Kaum eine andere Band in der Geschichte des Heavy Metal hat sich dermassen in die Herzen gespielt wie diese Herren aus England - und dies praktisch ohne Airplay von Radiostationen. Weltweit gefeiert und dennoch bodenständig, ist ihr Einfluss auf die gesamte Metalszene unermesslich.
Wer gemeint hat, dass mit dem oft betitelten Magnum Opus "Seventh Son of a Seventh Son" der Zenit erreicht war und spätestens mit den beiden Alben der Bayley-Ära Iron Maiden zuweilen gar zu einer Mittelklasse-Band degradiert wurde, der hat die Rechnung ohne Auferstehung gemacht. Auferstehung in dem Sinne, dass Bruce und Adrian wieder zurück an Bord fanden und damit eine altbekannte Formation (zusätzlich um den dritten Gitarristen Jannick Gers erweitert) wiederbelebt und somit eine neue Maiden-Ära eingeläutet wurde. Mit "Brave New World" wurden dann auch alle Kritiker zum Verstummen gebracht, denn der angeblich glimmende Docht war nämlich alles andere als am erlöschen - im Gegenteil: Der Zündstoff, der die Flamme wieder zum lodern brachte, war nicht etwa ein unerklärliches Phänomen, sondern erfrischende Unbekümmertheit, um schlicht den Sound zu kreieren, der aus der Synergie dieser phantastischen Musiker einfach entsteht. Doch als beim Nachfolger "Dance of Death" vermehrt Anzeichen einer progressiveren Soundausrichtung wahrnehmbar wurden, trauerten viele bereits den alten und unsterblichen Klassikern nach und liessen sich mit dem neuen Material womöglich zu wenig Zeit. Was dann mit "A Matter of Life and Death" folgte, riss den Graben endgültig auf. Um nämlich Iron Maiden ab Anno 2000 zu verstehen, kommt man nicht drum herum, diesen Graben zu überqueren.
"A Matter of Life and Death" zeichnete sich nämlich bis dato als das sperrigste Album der Bandgeschichte aus. Auch wenn das Album mit "Different World" gewohnt flott und direkt in typischer Maiden-Manier eröffnet wird, bleibt man bereits bei den beiden folgenden Stücken hängen. Die mittlerweile progressivere Ausrichtung verlangt genaueres Hinhören und es ist im ersten Moment etwas frustrierend, wenn kaum eine Melodie hängen bleibt. Was soll das? Keine Bange, es ist immer noch 100% Iron Maiden, einfach kompakter, konzentrierter und komplexer. Bereits "The Pilgrim" ist das erste Beispiel dafür: obwohl der Song in seiner Einfachheit und Heavyness durchaus aus dem Powerslave-Album stammen könnte, ist er um seine Tempowechsel und mehreren verflochtenen Riffs und Hooks vielschichtiger. Auch sind die Stücke allgemein länger (10 Songs bei einer Gesamtspieldauer 72 Minuten!) und etwas düsterer und manchmal bedrückender, aber deswegen nicht minder kraftvoll gehalten. Songs wie "The Longest Day", "The Legacy" oder das fantastische "For the Greater Good of God" zeichnen sich durch einen eher ruhigen Aufbau, anspruchsvollere Strukturen und einer dichten Atmosphäre aus. Wer also bei den Vorgängeralben bei Songs wie "Hallowed be thy Name", "To Tame a Land", "Afraid to Shoot Strangers" oder dem Opus "Rime of the Ancient Mariner" (vor allem der Mittel- und Schlussteil) etwas abgewinnen konnte, der sollte mit der musikalischen Ausrichtung von "A Matter of Life and Death" eigentlich problemlos klarkommen.
Das klingt nun alles relativ komplex, sperrig und vielleicht auch etwas kopflastig. Doch die Tatsache, dass dieses Album in gerade nur 9 Wochen geschrieben, komponiert, geprobt und praktisch komplett live eingespielt und aufgenommen wurde, zeigt eindrücklich, über welche musikalische Professionalität, Fertigkeit und Spontaneität diese Band verfügt. Das Album klingt frisch, unverbraucht und wie aus einem Guss. Und auch wenn "A Matter of Life and Death" kein Konzeptalbum ist, so liegt der Scheibe dennoch die Thematik Krieg und Religion zugrunde, was vielleicht den etwas düstereren Sound erklären dürfte.
Abschliessend kann man sagen, dass die sechs Briten um Mastermind Steve Harris unaufhaltsam und treu ihre musikalische Odyssee weiterführen und mit "A Matter of Life and Death" zum wiederholten Mal die Referenzklasse erreichen, auch wenn man durchaus auch erst nach ein paar Ehrenrunden zu diesem Votum gelangen dürfte.
Punkte: 10 / 10
Credits: Iron Maiden Holdings Ltd. / EMI Records Ltd. 2006
Selbstlosigkeit, ein Wort, welches nicht nur alt, verbraucht oder gar esoterisch angehaucht klingt, sondern heutzutage auch komplett aus dem gesellschaftlichen Repertoire - und zwar in Wort und Tat - verschwunden zu sein scheint. Tatsächlich klingt das Wort uncool und ist in seiner praktischen Umsetzung unbequem. Ich meine, wer will schon etwas von sich selbst lösen bzw. aufgeben? Oder wer verzichtet schon freiwillig auf die eigenen Vorteile? Dann lieber: Wie du mir, so ich dir - ein einfaches Vergeltungsprinzip, welches wunderbar in der Gesellschaft funktioniert. Aber... was ist, wenn jemand nicht Gleiches mit Gleichem vergelten kann? Das Prinzip fängt an zu zerbröckeln.
Ein altes italienisches Sprichwort sagt: "Gib einem Armen und du machst ihn reich - Gib einem Reichen und du machst ihn arm". So simpel dies auch klingt, umso tiefere Weisheit verbirgt sich darin. Einem Armen (oder einem weniger Bevorteilten / Privilegierten) zu geben heisst nämlich nichts anderes, als im Wissen zu handeln, nichts auf gleicher Ebene zurück zu erhalten; es ist ein Handeln aus Selbstlosigkeit. Vergleichbar mit einer Mutter, die ihr Leben für ihr Kind einsetzt und bis zu dessen Selbständigkeit (und in den meisten Fällen darüber hinaus) sich selbstlos investiert. Es ist ein Handeln aus Agape, einem griechischen Begriff, den man als "göttlich inspirierte, uneigennützige Liebe" übersetzen kann.
Nun könnte man einwenden und sagen, welcher Dummkopf investiert schon ins Leere, in Etwas, wo man nicht einmal weiss, was oder ob jemals überhaupt etwas zurückkommt. Genau das ist eben der Punkt, darum heisst es selbstlos: man gibt, ohne etwas dafür zu verlangen - Risiko auf höchstem Niveau. Aber dieses Risiko birgt ein grosses Geheimnis in sich. Denn was man angeblich ins Nichts investiert hat, wird irgendwann einmal in irgend einer Form x-fältig zurückkommen. Nicht wie bei der Börse, nicht kalkuliert, sondern als Akt des gelassenen Vertrauens. Ich meine, welche Mutter verlangt jeden Cent, den sie jemals investiert hat, von ihrem Kind zurück? Nicht zu reden von Geduld, Zeit oder den Schmerzen und Tränen. Aber allein zu sehen, dass ihr Kind glücklich ist, ist ihr das alles Wert und überwiegt alles!
Selbstlosigkeit ist das Glück des Anderen und zugleich der grösste persönliche Kredit, den man überhaupt anhäufen kann. Selbstlosigkeit ist so mächtig, dass sie imstande ist, demjenigen, der alles hat, alles auszuziehen: Stolz, Habgier und Egoismus verkümmern im Angesicht der Selbstlosigkeit vor sich hin. Man stelle sich vor, wie ein Wohlhabender von einem Bettler beschenkt wird... klar, in sich ein Widerspruch, doch allein die Vorstellung ist für den Wohlhabenden eine Demütigung; sie sagt aus, dass trotz allem Besitz immer noch etwas fehlt.
Heisst das jetzt, dass man am Besten sich selbst aufgeben und alles verschenken soll? Natürlich nicht, das wäre künstlich, gesetzlich und komplett am Ziel vorbeigeschossen. Es heisst lediglich, dass man den eigenen eingeschränkten Horizont erweitert, sein Umfeld bewusster wahrnehmen lernt und "ds Füfi laht la grad sii" bzw. bedingungsloser handelt: Zum Beispiel einen Drink oder Snack spendieren, ohne die Erwartung haben zu müssen, dasselbe umgehend zurückzuerhalten. Oder auf den letzten geliebten Keks verzichten und ihn dem vorwitzigen Kind überlassen, auch wenn man weiss, dass dieses in jenem Moment womöglich nicht mal dankbar ist. Oder schlicht und einfach jemandem eine Freude machen - einfach so. Die Möglichkeiten sind unbegrenzt, der persönliche Kredit unverwüstlich.
Ja, etwas mehr Selbstlosigkeit - oder eben Agape, könnte diese egozentrierte Welt durchaus vertragen und würde sie zu einem angenehmeren Ort machen.
Die kleine, unscheinbare und im globalen Weltgeschehen kaum wahrnehmbare Schweiz - das Land der schönen Berge und Täler, der beliebten Milchschokolade, dem typisch grosslöcherigen Käse, den praktischen Taschenmessern und den präzisen Uhren. Und ja, der grossartigen Musik! Oder hat jemand die legendären Krokus vergessen? Oder Gotthard? Und während man mit Eluveitie bereits die nächste grosse CH-Band des extremen Musikbereichs weltweit feiert, hat zuerst noch eine andere Band, die man nur allzu oft übersieht und vergisst, eine Erwähnung verdient: Coroner. Seinerzeit noch als Roadies bei Celtic Frost engagiert, entschieden sich Tommy T. Baron (Tommy Vetterli) und Marquis Marky (Marky Edelmann) zusammen mit Ron Royce (Ron Broder) zur Gründung einer eigenen Band.
Während Celtic Frost mit ihrem düsteren, schweren und experimentellen Sound schliesslich sowohl den Black als auch den Death Metal nachhaltig mitprägten, steuerten Coroner in eine eindeutig technischere Richtung. Denn während die meisten Thrash Metal Bands Anno 87 sich zunehmend mit Geschwindigkeit und Härte um die Wette zu spielen schienen, lancierten die drei Zürcher mit "R.I.P." ein Debut auf den Markt, welches viele Kritiker mit offenem Mund zurückliess: rauh, schnell und technisch präzise wie ein Schweizer Uhrwerk vermischten Coroner klassische Musik und zuweilen sogar Jazzelemente in kompromisslosen Thrash Metal - Volltreffer! Und in den Nachfolgewerken "Punishment for Decadence" und "No More Color" steigerte man sich zunehmend, wurde noch komplexer und versierter und entwickelte sich so zu einem heissen Eisen im Untergrund und zu einer regelrechten Kultband.
Album Nummer 4 "Mental Vortex" aus dem Jahr 1991 wird von vielen Kritikern und Fans als das Referenzwerk (oftmals zusammen mit "No More Color") der Band angesehen. Tatsächlich fliesst in diesem Werk alles zusammen, was Coroner auf den bisherigen Alben auszeichnete. Der auffallendste Unterschied zu den bisherigen Alben ist die deutlich klarere und sauberere Produktion. Zudem wagen es die Schweizer hier nach drei kompromisslos schnell gezockten Alben das Tempo zu reduzieren und mit deutlich mehr Mid-Temponummern einem technisch makellosen und groovigen Sound ihren Stempel aufzudrücken. So klingen "Son of Lilith", "Semtex Revolution", "Sirens" oder das jazzige "Pale Sister" zwar etwas gedrosselt (zumindest was das Tempo anbelangt), dafür aber total heavy, kompromisslos und wuchtig an Riffs und groovig ohne Ende. "Metamorphosis" setzt dann all dem die Krone auf - besser könnte man Technical Thrash Metal nicht umschreiben. Doch auch die schnelleren Nummern "Devine Step" und "About Life" überzeugen restlos, zeichnen sich aber zusätzlich durch ihre Komplexität und durch ein ausgefeilteres Songwriting, welches hier einen vorläufigen Höhepunkt der Bandgeschichte erreicht, aus. Und als wäre dies noch nicht genug, so wird dieses Glanzalbum mit dem Beatles-Cover "I want You (She's so heavy)" abgerundet. Und ja, es klingt zwar total nach Coroner, ist aber in seinem Kern und Charme ganz klar erkennbar - schlichtweg top!
Ja, man glaubt es kaum, aber Qualität solchen Kalibers blieb Jahre, ja gar Jahrzehnte verkannt. Drei hochtalentierte Musiker, die einfach um ihre Anerkennung gebracht wurden, auch wenn sie von Insidern oder heute als stilbildend geltende Bands wie Death als Inspiration und mitunter als musikalischer Einfluss genannt wurden. Und auch wenn nach mangelnder Promotion, wenn nicht gar Ausbeutung von Seiten des Labels, die Band 1996 einen Strich unter die Rechnung machte und sich auflöste, entschied man sich 2010 zu einer Re-Union, nachdem Fans aus aller Welt die drei Herren unaufhörlich darum baten.
Um es auf den Punkt zu bringen: Wer nur annähernd etwas für Thrash Metal übrig hat, der sollte Coroner unbedingt eine Chance geben. Und wer technisch hochstehenden Thrash Metal mag, der kommt an dieser Band schlichtweg nicht vorbei. Für mich jedenfalls musikalisch das Grossartigste, was die Schweiz an metallischen Klängen je hervorgebracht hat - ja, isch so imfall.
Ach, und um noch eine augenzwinkernde Fussnote hinzuzufügen: Die letzten drei Alben (ebenfalls ab 2010) der heute erfolgreichsten Metalband der Schweiz Eluveitie wurden von niemand geringerem als von einem gewissen Tommy Vetterli produziert...
Punkte: 10 / 10
Credits: Noise Records 1991 / 2003 (Reissue) / Death Cult Switzerland 2013
Wer eine Vorliebe für melodischen Power Metal europäischer Prägung hat, dem ist vermutlich in den letzten Jahren der Name Signum Regis nicht entgangen. In der Tat konnten sie mit ihrem letzten Werk "Exodus" und ein paar Live-Auftritten an kleinen Festivals in Europa durchwegs positiv auf sich aufmerksam machen. Dass die Slowaken aber davor bereits zwei Alben veröffentlicht hatten und mit praktisch identischer Besetzung auch mit den weiteren Projekten Vindex und Trigger nicht weniger erwähnenswerte Alben vorzuweisen haben, dürfte nur wenigen bekannt sein. Dass diese beiden Projekte eingestellt wurden, liegt daran, dass es mit dem jeweiligen Sänger aus Kapazitätsgründen nicht klappte. Auch die beiden ersten Signum Regis Alben wurden mit dem Schweden Göran Edman eingesungen, der sich aber letztendlich nur als Session- bzw. Gastsänger erwies. Und nachdem man für "Exodus" auf eine ganze Reihe von Gastsängern zurückgriff, um die verschiedenen Geschichtsthemen möglichst vielseitig auszudrücken, war die Frage nach dem geeigneten, fixen Sänger immer noch nicht gelöst. Erst bei den Proben für Liveauftritte entdeckte man mit Mayo Petranin einen versierten Mann, der schliesslich als festes Mitglied in die Band aufgenommen wurde.
Was während den Probesessions (von denen übrigens ein paar Songs davon offiziell auf Youtube kursieren) und den Liveauftritten bereits überzeugend klang, findet sich nun auf der vorliegenden EP als definitive Feuerprobe wieder und die meistert Mayo nicht nur bravurös, sondern geradezu tadellos. Sein Gesang bewegt sich weniger in den hohen Tonlagen wie die von Göran Edman und praktisch allen Gastsängern auf "Exodus", ist dafür voluminöser und nachdrücklicher. Das ist womöglich der Hauptgrund, weshalb sich die neuen Songs vom bisherigen Material unterscheiden: weniger verspielt, direkter und zugänglicher. Dies mag den Kenner des bisherigen Signum Regis Materials womöglich erstaunen, da die neoklassischen und leicht progressiven Elemente der beiden ersten Scheiben nicht mehr im Vordergrund stehen.
So legen die Herren mit "Living Well" schon mal los wie die Feuerwehr. Die auffallend glasklare Produktion ist dabei nicht nur ein regelrechter Ohrenschmaus, sondern offenbart die diskussionslose Klasse der einzelnen Musiker. So tanzt Gitarrist Filip Kolus nicht nur in atemberaubender Geschwindigkeit, sondern zudem äusserst präzise über die Saiten, verliert sich dabei aber nicht einen einzigen Augenblick in sinnfreier Dudelei. Seine fetten Riffs mit neoklassischem Einschlag und seine Solos sind einfach ein wahrer Genuss. Untermauert wird dies durch Bassist Ronnie König, der nicht einfach nur den perfekten Rhythmusteppich legt, sondern sich mit seiner Fertigkeit immer wieder Läufe erlaubt, die einer zweiten Gitarre gleichkommen - also etwas, das man vor allem von dominanten Bassisten wie Steve Harris kennt. Und da braucht sich Herr König mit seinem Geschick keineswegs zu verstecken. Das Tempo wird durch den Taktgeber Jaro Jancula vorangetrieben, der sich keine Blösse gibt und sich souverän durch alle möglichen Taktwechsel und Breaks hindurch knüppelt. Jan Tupy agiert als Keyboarder zwar nur im Hintergrund, verleiht aber den Hooks im richtigen Moment die nötige Veredelung. Und nicht zuletzt Sänger Mayo Petranin, der bereits nach den ersten Tönen klarmacht, dass er perfekt in die Soundkulisse von Signum Regis passt.
Konnte der Opener mit seiner Schlichtheit und den eingängigen Melodien punkten und durch die erfrischende Spontaneität überzeugen, wird mit "Through the Desert, Through the Storm" alles auf den Punkt gebracht, was eine Heavy Metal Hymne ausmacht: Treibende Riffs im Mitnicktempo und ein Refrain, den man spätestens beim zweiten Durchgang am liebsten lauthals mitsingen will:
...through the desert, through the storm, in sharp wind I go raging fire, driving rain, a wild hurricane days of sorrow are now gone, I'll soon find my home no, you cannot stop me now, I am on my way...
Und weil es so toll war, wird mit "My Guide in the Night" umgehend grossartig nachgedoppelt - einfach fantastisch, herrlich! Und wenn bei "Come and take it" das Tempo etwas zurückgehalten wird und man sich schon auf eine Verschnaufpause eingestellt hat, so wird man hier regelrecht in die 80er versetzt - mit Hooks, welche problemlos aus der Feder eines Desmond Child (Songwriter und Produzent für Kiss, Bon Jovi, Aerosmith, Alice Cooper u.a.) stammen könnten. Mit "All Over the World" offenbart sich dem Kenner schliesslich eine neue Version eines beliebten Songs aus dem eigenen Debutalbum, den man hier einerseits produktionstechnisch in glänzender Form hört, andererseits Mayos Stimme dem Song einen eigenen Stempel aufsetzt. Und zum Schluss gibt's noch eine Coverversion von Malmsteens "Vengeance". Wer jetzt meint, das Coverversionen immer im Schatten des Originals stehen und Yngwie eh eine Schuhnummer zu gross ist, der darf sich gerne durch die technischen Fähigkeiten der 5 Slowaken eines Besseren belehren lassen...
Donnerwetter, Wahnsinn! Ja, das waren die ersten Gedanken, die mir durch den Kopf schossen, als ich diese EP zum ersten Mal hörte. Und selbst nach unzähligen Durchläufen fasziniert mich das Teil nach wie vor, versetzt mich in tolle Stimmung und ich kann kaum mehr aufhören, die Repeat-Taste zu drücken. Man spürt, wie viel Leidenschaft und Herzblut in dieses kleine Album geflossen sind und dabei nichts der blossen Zufriedenheit überlassen wurde: jede Note sitzt, jede Textzeile passt. Wer so grossartig komponiert und musiziert gehört einfach nicht länger unter den Scheffel, das wäre höchst sträflich.
Für mich jedenfalls der bisher beste Output von Signum Regis, welcher die Messlatte für den Ende dieses Jahres erscheinende Longplayer enorm hoch ansetzt. Aber wenn die Herren das Niveau der EP halten können, dann wird man es mit einem ernsthaften Kandidat für den engeren Kreis "Album des Jahres" zu tun haben - dafür bürge ich.