Aus einer Sammlung von:
- Aktuelle, sowie vergessene musikalische Perlen aus der Welt des Rock und Heavy Metal
- Lohnenswerte Filme
- Gedanken aus aktuellem Anlass

Dienstag, 6. Oktober 2015

Hart, aber himmlisch



[Im WebZine Whiskey-Soda veröffentlicht]


STRYPER

Fallen

(Metal, Heavy Metal, Hardrock)


"Wir sind keine christliche Rockband!", liess Sänger und Gitarrist Michael Sweet Anfang Jahres verlauten und stiess damit viele - hauptsächlich Christen - vor den Kopf. Was Sweet damit erklären wollte, war, dass er es absurd findet, eine Band als christlich zu "schubladisieren". Stattdessen habe sich Stryper immer als simple Rockband, einfach halt aus christlichen Mitgliedern bestehend, verstanden. Betrachtet man allerdings die Bandgeschichte, dann war die christliche Etikette von Anfang an Bestandteil ihrer Vermarktung und die christliche Rock- und Metalszene hatte damit ihre Vorzeigeband, die es kommerziell wie keine andere christliche Band an die Spitze brachte. Doch aus konservativen Reihen wurde scharf auf Stryper geschossen, da sich aus deren Perspektive christlicher Glaube und Rockmusik nicht verträgt. Dies wiederum veranlasste die Band dazu, ihr typisch gelb-schwarzes Outfit abzulegen, den Schriftzug zu ändern und mit "Against the Law" ein Album zu veröffentlichen, auf dem man komplett auf die zum Teil überaus plakativen Texte verzichtete.

15 Jahre dauerte es dann, bis man sich mit "Reborn" zurückmeldete. Doch der Versuch, an ihren 80er-Werken anzuknüpfen oder zumindest einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen, erwies sich als Schwerarbeit. Sowohl "Murder By Pride" oder das Coveralbum "The Covering", wie auch das Remakealbum "Second Coming" wurden gnadenlos vom übersättigten Markt erstickt. Erst "No More Hell To Pay" vermochte wieder richtig Fuss zu fassen und wurde mitunter sogar begeistert aufgenommen. Knapp zwei Jahre später kündigen Stryper mit "Fallen" ihr bisher härtestes Werk an. Die Songproben von 'Yahweh' und 'Fallen' bildeten zusammen mit dem ästhetischen Cover-Artwork ein überraschender Appetitanreger. Überraschend, weil Stryper tatsächlich härter, düsterer und vor allem besser als je zuvor klingen!


Mit 'Yahweh' wird das Album zwar im typischen Gospelähnlichen Refrain eröffnet, doch die Gitarrenattacken, sowie die Tempowechsel im Mittelteil erheben Strypers Sound auf eine höhere Ebene. 'Fallen', 'Let There Be Light', 'The Calling' und 'King Of Kings' hauen da in dieselbe Kerbe, halten das Niveau problemlos und zeugen von inspiriertem Songwriting. Sternstunden in Strypers Songkatalog sozusagen, die zum wiederholten Mal Goldkehle Michael Sweet in scheinbar ewiger Jugend und Oz Fox als begnadeter Saitenakrobat offenbaren. Und auch die Stampfer 'Pride' und 'Big Screen Lies' fügen sich nach anfänglicher Blockade mühelos ein, während die etwas gemächlicheren 'Heaven' und 'Love You like I Do' eher an glorreiche alte Tage erinnern. Positiv zu vermerken gibt's auch das Black Sabbath-Cover 'After Forever'; denn irgendwie ist gerade dieses Stück bezeichnend für die Soundausrichtung auf dem gesamten Album, welchem unüberhörbar die unvergleichliche Schwere von Tony Iommis Riffkünste zugrunde liegen. Schwer verdauliche Kost bietet hingegen einerseits 'Till I Get What I Need', welches sich durch sein unpassendes Tempo als Stilbruch erweist. Abschliessend wird mit der Ballade 'All Over Again' der Vogel dann endgültig abgeschossen. Auf einem Countryalbum wäre der Song ja passabel, aber bitte nicht auf einem Metal-Album, meine Herren - geht gar nicht!

Doch alles in allem gibt's auf "Fallen" wirklich wenig Anlass zur Kritik. Das einst gefeierte Aushängeschild des White Metal meldet sich zurück und ragt stolz über den ohnehin schon grossartigen Releases dieses Jahres von Genrekollegen wie Scorpions, Europe oder Iron Maiden mit hinaus. Knüpfte "No More Hell To Pay" an die Glanzzeiten von "Soldiers Under Command" oder "To Hell With The Devil" an, so schlägt man mit "Fallen" zwar einen etwas härteren Kurs ein, aber definitiv auch einen ausgereifteren. Egal, ob Stryper nun eine christliche Band oder schlicht eine Band aus Christen sind - wer klassischen, hervorragend gezockten und stimmigen Heavy Metal mit hymnenhaften Hooks mag, der kommt an "Fallen" definitiv nicht vorbei.

Punkte: 9 / 10

Credits: Frontiers Records 2015


Montag, 21. September 2015

Die perfekte Fusion von Pop und Metal


DEF LEPPARD

Hysteria

(Rock, Hardrock, Glam Metal)


Es gibt Alben, die man als Fan und Sympathisant von Rockmusik - oder generell von guter Musik - mindestens einmal im Leben gehört haben sollte. "Hysteria" von Def Leppard aus dem Jahre 1987 reiht sich da mühelos mit ein. Als Nachfolger von "Pyromania", welches der Band den kommerziellen Durchbruch verschaffte, waren die Erwartungen entsprechend hoch. Und man musste sich ganze vier Jahre gedulden, während die Band selbst mit unangenehmen Schicksalsschlägen fertig werden musste: Wunschproduzent Mutt Lange war restlos ausgebucht und konnte erst Ende 1984 wieder engagiert werden. Doch dann verlor Drummer Rick Allen bei einem Autounfall den linken Arm, was die geplanten Aufnahmen vertagen liess. Allen wurde mit Hilfe der NASA ein spezielles Schlagzeug angefertigt, mit welchem er mit den Füssen die wichtigsten Funktionen bedienen konnte. Allerdings erkrankte Sänger Joe Elliott an Mumps, was die Aufnahmen bis weit ins Jahr 1986 verzögerte.

Vier Jahre können für eine Band eine lange Zeit sein, wenn man gerade erst noch als heisser Newcomer gefeiert wurde und plötzlich von der Bildfläche verschwindet. Und "Hysteria" tat sich anfänglich auch recht schwer, in einem völlig übersättigten Markt von grossartigen Rock- und Metal-Alben zu landen, sich durchzusetzen und aufzufallen. Doch die anfängliche Blockade wurde durch einen schier unvergleichlichen Siegeszug abgelöst, der sich durch die Single-Auskopplung von ganzen sieben Titeln zu einem totalen Verkaufsrenner steigerte.


Produktionstechnisch lieferte "Hysteria" für damalige Verhältnisse und Möglichkeiten die "Crème de la Crème". Auch wenn von Einigen als überproduziert verdonnert, so lässt sich die Klasse am Songwriting und vor allem an der Hitdichte nicht wegdiskutieren. Die damals noch jungen Briten, welche zusammen mit Saxon und Iron Maiden die New Wave of British Heavy Metal lancierten, spielen buchstäblich ihr ganzes Potential aus und bezaubern die Musikwelt mit tollen Refrains, die einem nicht mehr aus den Ohren gehen, und traumhaften Melodien und Klangfarben, welche einem selbst aus dem härtesten Alltag herausholen: Songs wie 'Animal', 'Hysteria', 'Armageddon it' oder 'Love and Affection' sind Rock-Evergreens, die man selbst nach Jahrzehnten immer noch leidenschaftlich mitsingt. Und auch wenn man mit Songs wie 'Rocket', 'Pour some Sugar on me' oder der Ballade 'Love Bites' streckenweise arg in den Pop-Kitsch abdriftet, darf man sich dafür umso mehr an den rockigeren und kantigeren Stücken wie 'Gods of War', 'Don't Shoot Shotgun' und 'Run Riot' freuen.

Def Leppard wurde mitunter auch schon als Pop Metal bezeichnet und im Falle von "Hysteria" könnte die Bezeichnung nicht treffender sein. Denn wenn es ein Album gibt, welches Pop der 80er und Metal perfekt vereinigt, dann dieses. Für mich jedenfalls eines der grossartigsten Hardrockalben aller Zeiten, welchem ich vermutlich nie überdrüssig sein werde.

Punkte: 10 / 10

Credits: Mercury / Phonogram 1987


Montag, 14. September 2015

Das traditionelle Feuer bewahren


[Im WebZine Whiskey-Soda veröffentlicht]


MILLENNIAL REIGN

Carry The Fire

(Metal, Heavy Metal, Melodic Metal, Power Metal)


Völlig unerwartet flattert einem das ansprechende Albumcover einer weitgehend unbekannten Band vor die Augen, welches von Felipe Machado Franco stammt. Der namhafte Künstler hat schon Artworks von Blind Guardian, Rhapsody of Fire oder Theocracy entworfen.
Millennial Reign wurde von ASKA-Bassist Dave Harvey als Soloprojekt gegründet. Auf der Suche nach den geeigneten Mitstreitern wurde bereits das Material für die erste Scheibe zusammengestellt, welche dann unter einem unabhängigen Label veröffentlicht wurde. Die Besetzung hielt aber nicht Bestand und so führte Dave den Schreibprozess zum zweiten Album alleine fort. Nach und nach vervollständigte sich ein neues Line-Up, mit James Guest (Eden's Realm) gewann man einen markanten Sänger. Das Signing durch das schwedische Label Ulterium Records verschaffte Millennial Reign professionelle Produktionsverhältnisse.


Während die erste Scheibe für den heutigen Standard wie ein äusserst gelungenes Demo klingt, aber bereits eine gewisse Klasse durchblitzen lässt, welche vor allem auf dem unwiderstehlichen Hard'n'Heavy-Vibe der 80er begründet liegt, passt man die Stilrichtung auf "Carry the Fire" etwas an und legt etwas an Härte zu. So klingt Sänger James Guest nicht nur zum Verwechseln ähnlich wie Geoff Tate, auch allgemein fühlt man sich in die Anfangszeiten von Queensrÿche versetzt - und dies sei als Kompliment vermerkt. Der galoppierende Anfangstrack 'Forever Changed', die groovigen 'Save Me' und 'Man Stand Alone' oder das rassige 'This Day' hätten perfekt in die "The Warning"-Ära gepasst. Doch auch das restliche Material zeichnet sich durch akkurates Songwriting aus, welches zwar den einen und anderen Durchlauf braucht, um richtig zu zünden. Doch die oftmals im typischen Maiden-Stil gehalten Gitarrenläufe und die allgemein eingängigen Refrains machen es einem relativ einfach, die Wiederholungstaste zu drücken.

Einmal in den Gehörgängen gelandet entfaltet sich "Carry the Fire" als eine durchweg lohnende Angelegenheit, welche Freunde der bereits erwähnten, frühen Queensrÿche besonders erfreuen wird. Doch auch wer allgemein im traditionellen US Metal der Marke Crimson Glory oder frühere Fates Warning zu Hause ist, dürfte an diesem Album seine Begeisterung finden. Zudem ist es allgemein immer wieder eine wohltuende Bereicherung zu erleben, dass auch von neuen Bands aus der traditionellen Metal-Ecke qualitativ hochstehendes Material geschmiedet wird. Bitte mehr davon!

Punkte: 7 / 10

Credits: Ulterium Records 2015


Freitag, 4. September 2015

Oparock? Von wegen...


[Im WebZine Whiskey-Soda veröffentlicht]


IRON MAIDEN

The Book Of Souls

(Metal, Heavy Metal)


Ende dieses Jahres, genauer genommen am 25. Dezember, wird die mittlerweile zur Metal-Institution herangewachsene Band Iron Maiden ihr 40stes Jubiläum feiern. Und eigentlich gäbe es jetzt Unmengen an Geschichten und Hintergrundwissen über dieses Phänomen zu berichten. Doch dafür empfiehlt sich wärmstens die DVD "The History of Iron Maiden Part 1: The Early Days" und die jeweiligen Doku-Fortsetzungen auf den DVDs "Live After Death" und "Maiden England '88" oder ganz einfach der Film "Flight 666".

Spricht man von Iron Maiden, herrscht zumindest in der Metal-Szene Ehrfurcht und allgemein im Musikbusiness Respekt. Ganze drei Dekaden hat man die Rockmusik verblüfft, begeistert, geprägt und mit unsterblichen Songs beschenkt. Generationen von Bands berufen sich auf die Eisernen Jungfrauen als ihr musikalisches Erbe und Maskottchen Eddie ziert nicht nur die Albumcover und ist während den Live-Shows ein wichtiger optischer Bestandteil, sondern geniesst auf der ganzen Welt Kultstatus.

Gibt es eigentlich etwas, was über Iron Maiden noch nicht erzählt wurde? Ach ja, das neue Album... Fünf Jahre liegen zwischen dem letzten Studio-Output "The Final Frontier" und dem heiss erwarteten "The Book of Souls". Fünf Jahre, während denen die mittlerweile an die 60 Lenzen klopfenden Herren einerseits mit der "The Final Frontier" Promo-Tour und zuletzt mit der beliebten und äusserst erfolgreichen Retro-Tour "Maiden England" die ganze Welt bereisten. Die Welt hat noch nicht genug Eisen, Alt und Jung feiern die immer noch motivierten und spielfreudigen Mannen, bis anfangs 2015 eine Nachricht die Metal-Welt in Atem hält: Bei Frontmann Bruce Dickinson wird ein Tumor auf der Zunge diagnostiziert - er unterzieht sich einer entsprechenden Behandlung. Das Album ist zwar bereits im Kasten, doch die Band beschliesst, den weiteren Prozess zu unterbrechen, bis über Dickinsons Zustand eine definitive Diagnose gegeben werden kann. Erst die erlösende Botschaft des besiegten Tumors führt die Herren wieder ins Studio, wo noch der letzte Schliff und schliesslich die Bekanntgabe des Releasedatums gegeben werden. Doch bereits beim Erscheinen der Vorab-Single 'Speed of Light' wurden die vielen Begeisterungsstürme durch das Gemecker der ewig Unzufriedenen getrübt.

Das erste Doppel-Album der Bandgeschichte (Live-Alben und Compilations ausgeschlossen) kündigte sich mit seinen monumentalen 92 Minuten und dem bisher längsten Stück (das 18-minütige 'Empire of the Clouds' löst den bisherigen Rekordhalter 'Rime of the Ancient Mariner' mit seinen grandiosen 13 Minuten ab) als ein weiterer harter Brocken innerhalb der progressiven Soundevolution von Iron Maiden an. Nicht alle Maiden-Fans der ersten Stunde konnten nämlich gleich gut mit der Entwicklung der Post-Reunion-Alben leben. Doch 'Speed of Light' donnert überraschend direkt, simpel und mitreissend aus den Boxen und man fühlt sich umgehend in die 80er-Ära versetzt. Aber das ist nur der Anfang...


Wer bei den letzten beiden Alben "A Matter of Life and Death" und "The Final Frontier" schon fast verzweifelt versucht hat, sich durch den sperrigen Soundnebel zu kämpfen, um Maidens Schätze auch in den progressiven Strukturen zu entdecken oder sich schlicht die Scheiben nahezu schönhören musste, der darf getrost sein: "The Book of Souls" führt diesen Weg nicht fort. Bereits der Opener 'If Eternity Should Fail' bleibt sofort im Ohr hängen und besticht nebst grossartigem Refrain durch die typische Instrumentalisierung und die zweistimmigen Gitarrenharmonien, die trotz ihrer Einfachheit Maiden zu dem gemacht haben, was sie Heute sind und deshalb diesbezüglich in einer eigenen Liga spielen lässt.
Und genau diese Einfachheit zieht sich durch das gesamte Album, welches zudem wieder durch eine etwas druckvollere Produktion daherkommt und die Trümpfe des 16. Outputs der Band klar offenlegt: Bruce ist in Höchstform und man würde nie im Leben darauf kommen, dass der gute Mann bereits während seinen Sessions einen Tumor auf der Zunge hat. Das Gitarrentrio Murray / Smith / Gers liefert sich ein Riff- und Solobattle par excellence und zeigt wahrscheinlich zum ersten Mal so richtig, wie man drei Gitarren markant und optimal einsetzt. Über den Rhythmusteppich Harris / McBrain braucht man sowieso keine weiteren Worte, das ist selbsterklärend genug. Einzig ein nicht unwesentliches Detail sei hierbei angefügt, welches vor allem das Songwriting betrifft: Mastermind Steve Harris hat sich auf "The Book of Souls" erstaunlich zurückgenommen und fungiert zwar bei sechs Songs als Co-Writer, überlässt aber bei den übrigen Songs die Feder hauptsächlich Bruce und Adrian Smith.

'The Red and the Black' ist die einzige reine Harris-Komposition auf dem gesamten Doppel-Album, aber was für ein Monument das ist! Ein 13-minütiger Marsch - den man durchaus als 'Rime of the Ancient Mariner - Part 2' bezeichnen könnte - der sich mit seinen Riffs, Solos und Mitsingparts nahtlos in die Reihe der ganz grossen Hits der Bandgeschichte einreiht und zu einem absoluten Live-Knüller werden dürfte. Cheers 'Arry!

Ebenfalls monumental (10:27 Min.), aber etwas sphärischer geht's im Titeltrack zu. Statt oft vorgeworfenes Recycling der eigenen Sachen, spielen Maiden hier in neuer Frische auf - herausragend. Überhaupt erlebt man auf dem gesamten Album eine spürbare Spielfreude und Inspiration, welche sich ohne progressive Umwege sehr direkt entfaltet. Knackige Nummern wie 'When the River Runs Deep', 'Death or Glory' oder das fantastische 'Shadows of the Valley' klingen auf den ersten Hörgenuss vielleicht austauschbar, doch hört man einmal die grossartige Instrumentalisierung und das einzigartige Zusammenspiel der Band heraus, wird schnell klar, auf welchem Niveau man sich befindet. Und auch bei den etwas ruhigeren Stücken 'The Great Unknown', 'Tears of a Clown' (übrigens eine Hommage an den verstorbenen Schauspieler Robin Williams) oder 'The Man of Sorrows' verliert man sich nicht in der Langeweile, sondern baut auch dort gekonnt ein Emotionsgerüst auf.

Und da wäre ja noch der Abschluss des Albums, 'Empire of the Clouds'. Meine Güte. Sowas hat man von Iron Maiden in dieser Form noch nie gehört: Piano, Violine und ein Einstieg, der wie aus einem Kinosoundtrack anmutet und dann eine Soundkulissenentwicklung, die einem während 18 Minuten nur noch Gänsehautfeeling verschafft. 18 Minuten mögen nach viel klingen, aber keine einzige Sekunde davon, in der das tragische Unglück des Verkehrsluftschiffs R101 musikalisch verarbeitet wird, ist zu viel. Schlicht meisterhaft!

Fazit? Nun, die Erwartungen an eine Band wie Iron Maiden sind verständlicherweise gross. Doch dass die sechs Briten in ihrem Alter noch imstande sind, während 92 Minuten ein solches Feuerwerk abzuliefern, hätte ich ihnen ehrlich gesagt nicht zugetraut. Nicht selten mit Freudentränen in den Augen komme ich auch nach dem wiederholten Durchlauf zum selben Schluss: besser als auf diesem Album kann Iron Maiden Anno 2015 nicht klingen. Kann sich "The Book of Souls" also gar mit den Klassikern aus den 80ern messen? Schwer zu prognostizieren, das wird der Test der Zeit offenbaren. Aber eines steht bereits jetzt fest: von der Post-Reunion-Ära ist "The Book of Souls" zweifellos das stärkste Album.

Ein Hoch auf diese grossartigen Herren! Long live the Irons!


Punkte: 10 / 10

Credits: Warner / Parlophone, Sanctuary Copyrights / BMG 2015


Donnerstag, 27. August 2015

(Un-)Vergänglichkeit


Die Einen erleben sie relativ häufig, andere werden davon etwas mehr verschont: Die Momente im Leben, wo einem Hände und Füsse gebunden sind und man machtlos dem Schicksal überlassen ist. Mitteilungen über schwere Krankheiten, Tumore, ja, bis hin zu Todesnachrichten, können einem buchstäblich den Boden unter den Füssen wegnehmen. Die Sonne im Leben wird zur dunklen Nacht, das fröhliche Gelage zum Jammergesang. Sie machen uns allen klar, dass unser Leben beschränkt und endlich ist. Der Kampf und das Ringen ums Leben beginnt. Aber ist Leben wirklich nur Überleben? Mit Verlaub, ich glaube nicht...


Ironischerweise stellen sich uns gerade in solchen Situationen die essentiellen Lebensfragen. Wir wollen uns mit der einfachen Antwort, welche der entsprechende Lagebestand unbeirrt liefert, nicht zufrieden geben. Die Suche nach Trost und Hoffnung sind mehr, als lediglich der Versuch zu überleben - sie sind das Tor zum Leben und die Berührung mit der Unvergänglichkeit. Es wird einem klar, dass der Mensch mehr ist, als eine blosse Hülle, die irgendwann einmal vom Erdreich verschluckt sein wird. In dieser Hülle nämlich, steckt nebst aussergewöhnlichem Potential an Denken und Handeln auch die Fähigkeit des Empfindens und des Liebens. Es ist die Gewissheit, dass das Leben einen Sinn hat - sowohl für mich, wie auch für mein Gegenüber. Ich bin ein Auserwählter aus millionen von Spermien, ein wichtiges und wertvolles Individuum, welches sich auf einzigartige Weise den Aufgaben des Lebens stellt. Die dabei häufig entstehende Frage "Warum gerade ich? Warum muss ausgerechnet mir dies passieren?" bleibt meistens unbeantwortet und deutet darauf hin, dass die Antwort in einem grösseren und weit höheren Zusammenhang stehen muss. Jedenfalls gibt der natürliche Kreislauf des Lebens selbst keine faire Antwort darauf. Der Urheber des Lebens hingegen bietet darin eine weitaus grössere Perspektive.

Doch ob uns dies bewusst ist oder nicht, hinterlassen wir Spuren im Leben: einige sind gut sichtbar, andere eher kaum wahrnehmbar. Einige Personen konnten grosse Schritte machen, andere dafür nur ganz wenige. Aber am Ende ist Jeder auch wiederum nur ein Teil des ganzen Geschehens. Egal, ob ich das Privileg einer tollen Ausbildung und eines lukrativen Geschäfts hatte oder ob ich lediglich mein ganzes Leben lang auf der Flucht war oder ums nackte Überleben kämpfte - meine Einstellung und meine Haltung zum Leben und zu meinen Mitmenschen werden meine Taten ausmachen.

Somit ist das Leben an sich zwar vergänglich - und wir können uns in der Tat privilegiert und glücklich schätzen, wenn wir gesund sind! - aber was wir schliesslich davon hinterlassen, bleibt als Erinnerung unvergänglich zurück. Welches Vermächtnis wir auch immer hinterlassen werden, legen wir im Umgang mit unserem Leben und deren Umständen fest.
Möge es - allen Umständen zum Trotz - ein inspiriertes und inspirierendes Leben sein!



Samstag, 22. August 2015

Leder, Ketten und Nieten

JUDAS PRIEST

Defenders Of The Faith

(Metal, Heavy Metal)


Wenn es darum geht, die Anfänge des Heavy Metal geschichtlich zu erläutern oder zumindest wichtige Bands zu erwähnen, fallen fast ausnahmslos die Namen Led Zeppelin und vor allem Black Sabbath. Eine Band findet darin meines Erachtens schlichtweg zu wenig Erwähnung: Judas Priest. 1969 als Bluesband gegründet, spielten sie auf ihrem Debut noch eine Mischung aus Blues und Garagenrock, wandten sich aber bereits auf ihrem Nachfolger "Sad Wings of Destiny" ansatzweise härteren Klängen zu, um dann anschliessend mit "Sin after Sin" und vor allem "Stained Class" eines der prägendsten Frühwerke des Heavy Metal zu schmieden. Zudem tourten sie als Vorband von Led Zeppelin und AC/DC. Der Durchbruch kam dann 1980 mit dem Album "British Steel", welches das Fundament legte, damit Bands der 'New Wave of British Heavy Metal' wie Saxon, Def Leppard oder Iron Maiden gross durchstarten konnten.

Und kurz bevor Heavy Metal so richtig zu Höhenflügen ansetzte, erschien "Defenders of the Faith". Bedeutete "British Steel" der Durchbruch, so war "Point of Entry" eine Ernüchterung. Doch wetzte man mit "Screaming for Vengeance" schon mal die Krallen, so zerfetzte "Defenders of the Faith" alles bisherige Priest-Material im Nullkommanichts und bescherte der Szene ein in Stahl gehämmertes Monument. K.K. Downing und Glenn Tipton liefern sich Rifforgien en masse und Rob Halford schreit sich im wahrsten Sinn des Wortes die Seele vom Leib. Zum wiederholten Mal prägen die fünf Stahlmänner aus Birmingham die harte Rockmusik und bestätigen sich zudem als Verkörperung des Leder-, Ketten- und Nietenimages.


Hand aufs Herz, wer bei Stücken wie 'Freewheel Burning', 'The Sentinel' oder 'Heavy Duty / Defenders of the Faith' regungslos und apathisch bleibt, der hat von Heavy Metal vermutlich nichts verstanden. Und wer sich bei 'Rock Hard Ride Free' nicht am liebsten umgehend auf die nächste Harley setzen möchte, um mit dem Wind im Gesicht auf einer epischen Strecke los zu brettern, der ist echt zu bedauern. 'Defenders of the Faith' fasst nochmals alles zusammen, was Judas Priest seit ihrem ersten Album in der Szene der harten Rockmusik ausmacht: nicht nur eine stilprägende, sondern auch eine stilbildende Band ist hier am Werk, die sich den Begriff "Metal Gods" diskussionslos verdient. Metallica oder Iron Maiden mögen inzwischen mehr Scheiben verkauft haben und haben die grössere Anhängerschaft, aber Judas Priest ist und bleibt die erste Adresse des Heavy Metal in Reinkultur und dieses Album legt eindrücklich Zeugnis davon ab. Allein die Tatsache, dass die Herren sechs Jahre später - also am Ende der glorreichen Metal-Ära - dem Ganzen mit "Painkiller" noch eins draufsetzten, dürfte wohl den hintersten und letzten Nörgler zum verstummen gebracht haben. Aber das ist dann wiederum eine ganz eigene Geschichte...

Man kann es drehen und wenden wie man will, 'Defenders of the Faith' ist ein staubloser Klassiker, der sich eigentlich von selbst erklärt und in jede ernstzunehmende Metalsammlung gehört, basta.

Punkte: 10 / 10

Credits: Columbia / Sony Music Entertainment 1984 / 2001 (Remastered)

Donnerstag, 13. August 2015

Riot - unsterblich - Riot V


RIOT

Unleash The Fire


(Metal, Heavy/Power/Speed Metal)


Im Gegensatz zum europäischen Power Metal, der sich spätestens nach den beiden Keeper-Alben von Helloween etabliert hat und heutzutage im modernen Gewand nicht selten am Rand des Kitsch taumelt und damit vor allem die etwas härtere Metallerecke zu Nasenrümpfen und Apathie veranlassen, existiert die etwas kantigere Version aus den Staaten hauptsächlich im Untergrund und konnte kaum das grosse Los ziehen. Bands wie Metal Church, Vicious Rumors, Savatage oder Crimson Glory keimten zwar auch in den 80ern auf, wurden aber durch die deutlich kommerziellere Ausrichtung des europäischen Pendants zunehmend ignoriert und dafür umso mehr zu Kultbands, die aber heute eine regelrechte Renaissance feiern. Eine davon ist Riot. Ihre Werke "Fire Down Under" und vor allem "Thundersteel" werden unter Insidern als zwei der bedeutendsten Power/Speed Metal-Alben gefeiert.

Als Ende 2011 mit "Immortal Soul" Riot abermals nach den Sternen zu greifen schienen und nach 23 Jahren nochmal so richtiges Thundersteel-Feeling aufleben liessen, folgte kurz darauf die Hiobsbotschaft: Mark Reale, Gitarrist, Mitbegründer und Kopf der Band erlag seiner langjährigen Morbus-Crohn-Krankheit. Dennoch beschliesst die Band 2013 unter dem Namen Riot V die Geschichte fortzusetzen.

"Unleash the Fire" ist somit mitunter ein Tributalbum an Mark Reale geworden, dem gerade mal ganze zwei Songs ("Immortal" und "Until we meet again") unmissverständlich gewidmet sind. Aber wie klingt das Album? Kann Riot ohne Mark Reale überhaupt existieren? Das war die grundlegende Frage und die grössten Bedenken unter Fans und Kritikern. Doch was hier aus den Boxen brettert kommt völlig unerwartet und dürfte jeden einzelnen Skeptiker eines Besseren belehren, die Kinnlade mächtig nach unten ziehen und sogar die eine oder andere Freudenträne in die Augen treiben. Ein grosser Verdienst dafür bildet der neue Sänger Todd Michael Hall, der seine Künste bis in die hohen Tonlagen schlicht tadellos meistert und so dem typischen Riot-Sound die perfekte Stimme verleiht. Aber auch strukturell hat man sich nicht einfach generell auf das Referenzalbum "Thundersteel" beschränkt, um es dann krampfhaft zu kopieren versucht; die Atmosphäre des Klassikers aus dem Jahre 1988 ist zwar allgegenwärtig (und dies zum guten Glück und völlig zurecht!), doch Riot machen auch vereinzelt Gebrauch von etwas moderneren Elementen, was gewissen Songs deutlich mehr Groove verleiht und das Album so, trotz mehrheitlich hohem Tempo, sehr abwechslungsreich macht.


Ich mache mir gar nicht erst die Mühe, auf einzelne Songs einzugehen, denn wer das Album erstmal in den Player geschmissen hat und von den ersten Klängen begeistert sein wird, der wird "Unleash the Fire" nicht mehr weglegen wollen. Die Gitarren flitzen wie eh und je, die Hooks gehen sofort ins Ohr und entfalten sich innert Kürze zu Mitsinghymnen und die Rhythmussektion stampft und prügelt sich heroisch durch die herrlich old-schoolische, trockene Produktion. "Unleash the Fire" ist in der Tat ein Vorzeigealbum, welches weder im Schatten von "Thundersteel" steht, noch sich hinter der altbekannten und schon gar nicht aktuellen Konkurrenz zu verstecken braucht. Meiner Meinung nach - mit allem gebührenden Respekt Mark Reale gegenüber - haben sich Riot hier sogar selbst übertroffen und ihr Referenzalbum abgelöst. Ein Hoch auf die Renaissance des Edelstahls der Alten Schule!

Punkte: 10 / 10

Credits: Steamhammer / SPV GmbH 2014