Aus einer Sammlung von:
- Aktuelle, sowie vergessene musikalische Perlen aus der Welt des Rock und Heavy Metal
- Lohnenswerte Filme
- Gedanken aus aktuellem Anlass

Donnerstag, 22. Oktober 2015

Melodic Metal, Prädikat: Referenzklasse


[Im WebZine Whiskey-Soda veröffentlicht]


SIGNUM REGIS

Chapter IV: The Reckoning

(Metal, Melodic Metal, Power Metal)


Ein zunehmender Trend zeigt, dass die Grundschule des Heavy Metal auch bei jüngeren Bands ihre Spuren hinterlassen hat. Ein allgemeines "Back to the Roots" überstrahlt nicht nur eine mittlerweile mehrjährige, neue schwedische Hardrock-Welle, auch im Metalbereich wagt man sich zunehmend gegen den angesagten Strom der Extreme zu bewegen. So hat sich zum Beispiel das schwedische Label Ulterium Records einer Reihe von Bands angenommen, die im melodischen und eher traditionellen Bereich des Metal angesiedelt sind und unter welchen auch Signum Regis amtieren. Ihr respektabler Backkatalog von drei Alben und einer EP hat in einigen Underground-Magazinen zwar die Runde gemacht, doch zum Szenendurchbruch hat's noch nicht gereicht. Aber dies dürfte sich bald ändern. Denn ehrgeizig und unbeirrt an seiner Soundvision festhaltend, hat Bassist und Mastermind Ronnie König die Band unterdessen auf ein Niveau gebracht, das so manch bekannte Band ihres Genres in Verlegenheit bringen dürfte.

Um die Wartezeit zwischen dem letzten Album "Exodus" (2013) und dem vorliegenden, mittlerweile vierten Longplayer zu verkürzen, gab's diesen Frühling mit der EP "Through the Storm" mehr als bloss einen Überbrückungstrost: Die Slowaken drückten ihrem bereits eigenwilligen, neoklassisch angehauchten Power Metal einen etwas kantigeren Stempel auf und überraschten bei den vier neuen Songs vor allem durch deren Hymnencharakter. "Chapter IV: The Reckoning" führt den eingeschlagenen Weg nahtlos fort und - ja, das kann man bereits vorneweg sagen - setzt dem Ganzen die Krone auf.

Was Signum Regis von unzähligen anderen Melodic / Power Metal-Bands unterscheidet, ist die Tatsache, dass Signum Regis auf jegliche Gimmicks wie getriggerte oder Computergenerierte Drums und übertrieben bombastische und nicht selten kitschige Synthikulissen verzichten und trotz einer sauberen und druckvollen Produktion darum bemüht sind, einen möglichst authentischen und live-ähnlichen Sound zu kreieren. Dass die fünf Slowaken nämlich allesamt hervorragende Musiker sind, konnte man bereits auf den Vorgängeralben heraushören. Auf "Chapter IV: The Reckoning" - wie im Übrigen bereits auf der EP - ist man nun als Band zusammengewachsen und hat damit einen bezeichnenden Qualitätssprung gemacht. Die Kompositionen sind kompakter, die Songs sind allgemein direkter und weniger verspielt und die Hooks sind noch ausgereifter - eigentlich ein Indiz dafür, dass man nicht lediglich Songs fürs Studio schreibt, sondern diese genauso ohne Umschweife auch live vortragen will.


Es mag sein, dass man mit komplexen und vertrackten Songstrukturen kreativ und künstlerisch bei Kritikern das grosse Los zieht, aber es ist ebenso (und vielleicht sogar noch mehr) hohe Kunst, Inspiration, Kreativität und Komplexität auf eine simple und zugängliche Art herunter zu brechen. Signum Regis ist dies auf eindrückliche Weise gelungen. Ihre unbestreitbare musikalische Klasse, sowie ihre unüberhörbare Liebe zur klassischen Musik verschachteln sie in zehn einzelne Songperlen, ohne diese künstlich auszuwalzen. Vom flotten Opener 'Lost and Found' bis hin zum epischen, schleppend-balladesken Abschlusstrack 'Bells are Tolling' lassen Signum Regis nichts aus, was sich der Freund von melodischem Schwermetall wünscht: Egal ob im Mid-Tempo gehalten oder aufs Gaspedal gedrückt - Signum Regis sind jeder Situation gewachsen und bestechen immer wieder durch die abermals messerscharfe und dennoch filigrane und präzise Gitarrenarbeit von Filip Kolus (einfach zum Niederknien, was dieser Mann aus den sechs Saiten herausholt!), der perfekt harmonierenden Rhythmussektion um Drummer Jaro Jancula und Bassist Ronnie König (mit seinem souveränen und für das Genre eher untypisch ausgeprägten Bassspiel steckt er seine Kollegen locker in die Tasche), der gezielten, aber nie aufdringlichen Synthi-Veredelung von Jan Tupy und dem markant-kraftvollen Gesang von Mayo Petranin, der bestens auch ohne Auto-Tune auskommt.

Sei es das hymnenhafte 'The Voice in the Wilderness', der grossartige Mid-Tempo-Reisser 'Kingdom of Heaven', der Nackenbrecher 'Prophet of Doom' oder das energiegeladene und stürmische 'Quitters Never Win' - sie sind nur eine kleine Auswahl der Referenzklasse, welche man auf "Chapter IV: The Reckoning" à discrétion serviert bekommt. Signum Regis ziehen alle Register ihres Könnens, heben einen Querschnitt durch ihr bisheriges Material heraus und veredeln es optimiert und perfektioniert auf den Tonträger - schlicht ein wahres Freudenfest für jeden Heavy / Power Metal-Liebhaber, egal aus welcher Generation.

Ob am Schluss die Rechnung aufgeht und sich Signum Regis in der mittlerweile kaum mehr überschaubaren Release-Flut durchzusetzen vermögen, bleibt natürlich offen. Genauso aber bleibt die Tatsache, dass "Chapter IV: The Reckoning" nicht nur Signum Regis' bisheriges Referenzwerk geworden ist, sondern sich die Höchstwertung uneingeschränkt verdient hat. Definitiv ein heisser Anwärter zum Newcomer-Album des Jahres im Bereich des Melodic Metal!

Punkte: 10 / 10

Credits: Ulterium Records 2015


Samstag, 10. Oktober 2015

Rockin' Hellas!


[Im WebZine Whiskey-Soda veröffentlicht]

DIVINER

Fallen Empires

(Metal, Heavy Metal)


Egal, wie es ökonomisch um Griechenland steht und wie viele bitterböse Witze darüber bereits die Runde gemacht haben, Diviner vertreten mit ihrer Musik ihre Heimat von ihrer glorreichen Seite. Die in 2011 gegründete Band setzt sich zu einem Teil aus Mitgliedern von Innerwish zusammen und wird durch deren langjährige Freunde komplettiert. Die Vision von Diviner bestand von Anfang an darin, einen kraftvollen, intensiven, düsteren und zutiefst heavy inspirierten Sound zu kreieren, der einerseits die Essenz des traditionellen Heavy Metal einfängt und gleichzeitig zeitgenössisch klingt. Und mit "Fallen Empires" debütieren die Griechen unter dem schwedischen Label Ulterium Records und reihen sich dort perfekt in deren Musikagenda ein.

Bereits der knackige und brachiale Sound, der Toningenieur Peter In de Betou (u.a. Arch Enemy, Opeth und Amon Amarth) zu verdanken ist, gibt die Richtung von Anfang an klar an. Mit einem Riffgewitter sondergleichen legen die Herren mit dem Titeltrack los, um dann im folgenden während der gesamten Spielzeit wie ein Panzer alles in Grund und Boden zu walzen. Legendäre Bands wie Judas Priest oder Accept, aber auch modernere Acts wie Iced Earth, Primal Fear oder Brainstorm standen da unüberhörbar Pate. Doch statt ein billiges Plagiat abzuliefern, strotzen die zehn Songs nur so von Frische und Spielfreude, zu keinem Zeitpunkt kommt da Langeweile auf. Zwar klingt einiges auf den ersten Hörgenuss gleichförmig, streckenweise fast etwas monoton und es scheinen irgendwie die Höhepunkte zu fehlen. Das liegt unter anderem auch an der etwas harschen und eher eintönigen - und vielleicht für Einige gewöhnungsbedürftigen - Stimmlage von Yiannis Papanikolaou, der sich allerdings perfekt ins Soundgerüst von Diviner einfügt. Stücke wie 'Kingdom Come', 'Evilizer', 'Seven Gates', 'Come Into My Glory' oder 'Sacred War' verfügen nämlich neben dem soliden Grundtenor absolutes Hitpotenzial und gehören in der Sparte zum Besten seit Jahren.


Es wird immer wieder darüber spekuliert, was wohl sein wird, wenn Bands wie Judas Priest, Accept und Genossen der traditionellen Metallschmiede in Rente gehen werden. Nun, solange Bands wie Diviner nachrücken, wird man sich um die Zukunft des traditionellen Heavy Metal nicht sorgen müssen. Wenn diese ambitionierten Griechen auf ihrem Soundgerüst weiterbauen und zu ihrer Spielfreude und Frische noch etwas mehr an Originalität und Ideenreichtum zulegen, dann könnte da durchaus etwas ganz Grosses auf uns zukommen. Mit "Fallen Empires" haben Diviner jedenfalls schon mal eine beeindruckend-atmosphärische Visitenkarte hinterlegt - Efcharistó!

Fazit: Aufdrehen, Luftgitarre anschliessen, headbangen und geniessen!


Punkte: 9 / 10

Credits: Ulterium Records 2015

Dienstag, 6. Oktober 2015

Hart, aber himmlisch



[Im WebZine Whiskey-Soda veröffentlicht]


STRYPER

Fallen

(Metal, Heavy Metal, Hardrock)


"Wir sind keine christliche Rockband!", liess Sänger und Gitarrist Michael Sweet Anfang Jahres verlauten und stiess damit viele - hauptsächlich Christen - vor den Kopf. Was Sweet damit erklären wollte, war, dass er es absurd findet, eine Band als christlich zu "schubladisieren". Stattdessen habe sich Stryper immer als simple Rockband, einfach halt aus christlichen Mitgliedern bestehend, verstanden. Betrachtet man allerdings die Bandgeschichte, dann war die christliche Etikette von Anfang an Bestandteil ihrer Vermarktung und die christliche Rock- und Metalszene hatte damit ihre Vorzeigeband, die es kommerziell wie keine andere christliche Band an die Spitze brachte. Doch aus konservativen Reihen wurde scharf auf Stryper geschossen, da sich aus deren Perspektive christlicher Glaube und Rockmusik nicht verträgt. Dies wiederum veranlasste die Band dazu, ihr typisch gelb-schwarzes Outfit abzulegen, den Schriftzug zu ändern und mit "Against the Law" ein Album zu veröffentlichen, auf dem man komplett auf die zum Teil überaus plakativen Texte verzichtete.

15 Jahre dauerte es dann, bis man sich mit "Reborn" zurückmeldete. Doch der Versuch, an ihren 80er-Werken anzuknüpfen oder zumindest einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen, erwies sich als Schwerarbeit. Sowohl "Murder By Pride" oder das Coveralbum "The Covering", wie auch das Remakealbum "Second Coming" wurden gnadenlos vom übersättigten Markt erstickt. Erst "No More Hell To Pay" vermochte wieder richtig Fuss zu fassen und wurde mitunter sogar begeistert aufgenommen. Knapp zwei Jahre später kündigen Stryper mit "Fallen" ihr bisher härtestes Werk an. Die Songproben von 'Yahweh' und 'Fallen' bildeten zusammen mit dem ästhetischen Cover-Artwork ein überraschender Appetitanreger. Überraschend, weil Stryper tatsächlich härter, düsterer und vor allem besser als je zuvor klingen!


Mit 'Yahweh' wird das Album zwar im typischen Gospelähnlichen Refrain eröffnet, doch die Gitarrenattacken, sowie die Tempowechsel im Mittelteil erheben Strypers Sound auf eine höhere Ebene. 'Fallen', 'Let There Be Light', 'The Calling' und 'King Of Kings' hauen da in dieselbe Kerbe, halten das Niveau problemlos und zeugen von inspiriertem Songwriting. Sternstunden in Strypers Songkatalog sozusagen, die zum wiederholten Mal Goldkehle Michael Sweet in scheinbar ewiger Jugend und Oz Fox als begnadeter Saitenakrobat offenbaren. Und auch die Stampfer 'Pride' und 'Big Screen Lies' fügen sich nach anfänglicher Blockade mühelos ein, während die etwas gemächlicheren 'Heaven' und 'Love You like I Do' eher an glorreiche alte Tage erinnern. Positiv zu vermerken gibt's auch das Black Sabbath-Cover 'After Forever'; denn irgendwie ist gerade dieses Stück bezeichnend für die Soundausrichtung auf dem gesamten Album, welchem unüberhörbar die unvergleichliche Schwere von Tony Iommis Riffkünste zugrunde liegen. Schwer verdauliche Kost bietet hingegen einerseits 'Till I Get What I Need', welches sich durch sein unpassendes Tempo als Stilbruch erweist. Abschliessend wird mit der Ballade 'All Over Again' der Vogel dann endgültig abgeschossen. Auf einem Countryalbum wäre der Song ja passabel, aber bitte nicht auf einem Metal-Album, meine Herren - geht gar nicht!

Doch alles in allem gibt's auf "Fallen" wirklich wenig Anlass zur Kritik. Das einst gefeierte Aushängeschild des White Metal meldet sich zurück und ragt stolz über den ohnehin schon grossartigen Releases dieses Jahres von Genrekollegen wie Scorpions, Europe oder Iron Maiden mit hinaus. Knüpfte "No More Hell To Pay" an die Glanzzeiten von "Soldiers Under Command" oder "To Hell With The Devil" an, so schlägt man mit "Fallen" zwar einen etwas härteren Kurs ein, aber definitiv auch einen ausgereifteren. Egal, ob Stryper nun eine christliche Band oder schlicht eine Band aus Christen sind - wer klassischen, hervorragend gezockten und stimmigen Heavy Metal mit hymnenhaften Hooks mag, der kommt an "Fallen" definitiv nicht vorbei.

Punkte: 9 / 10

Credits: Frontiers Records 2015


Montag, 21. September 2015

Die perfekte Fusion von Pop und Metal


DEF LEPPARD

Hysteria

(Rock, Hardrock, Glam Metal)


Es gibt Alben, die man als Fan und Sympathisant von Rockmusik - oder generell von guter Musik - mindestens einmal im Leben gehört haben sollte. "Hysteria" von Def Leppard aus dem Jahre 1987 reiht sich da mühelos mit ein. Als Nachfolger von "Pyromania", welches der Band den kommerziellen Durchbruch verschaffte, waren die Erwartungen entsprechend hoch. Und man musste sich ganze vier Jahre gedulden, während die Band selbst mit unangenehmen Schicksalsschlägen fertig werden musste: Wunschproduzent Mutt Lange war restlos ausgebucht und konnte erst Ende 1984 wieder engagiert werden. Doch dann verlor Drummer Rick Allen bei einem Autounfall den linken Arm, was die geplanten Aufnahmen vertagen liess. Allen wurde mit Hilfe der NASA ein spezielles Schlagzeug angefertigt, mit welchem er mit den Füssen die wichtigsten Funktionen bedienen konnte. Allerdings erkrankte Sänger Joe Elliott an Mumps, was die Aufnahmen bis weit ins Jahr 1986 verzögerte.

Vier Jahre können für eine Band eine lange Zeit sein, wenn man gerade erst noch als heisser Newcomer gefeiert wurde und plötzlich von der Bildfläche verschwindet. Und "Hysteria" tat sich anfänglich auch recht schwer, in einem völlig übersättigten Markt von grossartigen Rock- und Metal-Alben zu landen, sich durchzusetzen und aufzufallen. Doch die anfängliche Blockade wurde durch einen schier unvergleichlichen Siegeszug abgelöst, der sich durch die Single-Auskopplung von ganzen sieben Titeln zu einem totalen Verkaufsrenner steigerte.


Produktionstechnisch lieferte "Hysteria" für damalige Verhältnisse und Möglichkeiten die "Crème de la Crème". Auch wenn von Einigen als überproduziert verdonnert, so lässt sich die Klasse am Songwriting und vor allem an der Hitdichte nicht wegdiskutieren. Die damals noch jungen Briten, welche zusammen mit Saxon und Iron Maiden die New Wave of British Heavy Metal lancierten, spielen buchstäblich ihr ganzes Potential aus und bezaubern die Musikwelt mit tollen Refrains, die einem nicht mehr aus den Ohren gehen, und traumhaften Melodien und Klangfarben, welche einem selbst aus dem härtesten Alltag herausholen: Songs wie 'Animal', 'Hysteria', 'Armageddon it' oder 'Love and Affection' sind Rock-Evergreens, die man selbst nach Jahrzehnten immer noch leidenschaftlich mitsingt. Und auch wenn man mit Songs wie 'Rocket', 'Pour some Sugar on me' oder der Ballade 'Love Bites' streckenweise arg in den Pop-Kitsch abdriftet, darf man sich dafür umso mehr an den rockigeren und kantigeren Stücken wie 'Gods of War', 'Don't Shoot Shotgun' und 'Run Riot' freuen.

Def Leppard wurde mitunter auch schon als Pop Metal bezeichnet und im Falle von "Hysteria" könnte die Bezeichnung nicht treffender sein. Denn wenn es ein Album gibt, welches Pop der 80er und Metal perfekt vereinigt, dann dieses. Für mich jedenfalls eines der grossartigsten Hardrockalben aller Zeiten, welchem ich vermutlich nie überdrüssig sein werde.

Punkte: 10 / 10

Credits: Mercury / Phonogram 1987


Montag, 14. September 2015

Das traditionelle Feuer bewahren


[Im WebZine Whiskey-Soda veröffentlicht]


MILLENNIAL REIGN

Carry The Fire

(Metal, Heavy Metal, Melodic Metal, Power Metal)


Völlig unerwartet flattert einem das ansprechende Albumcover einer weitgehend unbekannten Band vor die Augen, welches von Felipe Machado Franco stammt. Der namhafte Künstler hat schon Artworks von Blind Guardian, Rhapsody of Fire oder Theocracy entworfen.
Millennial Reign wurde von ASKA-Bassist Dave Harvey als Soloprojekt gegründet. Auf der Suche nach den geeigneten Mitstreitern wurde bereits das Material für die erste Scheibe zusammengestellt, welche dann unter einem unabhängigen Label veröffentlicht wurde. Die Besetzung hielt aber nicht Bestand und so führte Dave den Schreibprozess zum zweiten Album alleine fort. Nach und nach vervollständigte sich ein neues Line-Up, mit James Guest (Eden's Realm) gewann man einen markanten Sänger. Das Signing durch das schwedische Label Ulterium Records verschaffte Millennial Reign professionelle Produktionsverhältnisse.


Während die erste Scheibe für den heutigen Standard wie ein äusserst gelungenes Demo klingt, aber bereits eine gewisse Klasse durchblitzen lässt, welche vor allem auf dem unwiderstehlichen Hard'n'Heavy-Vibe der 80er begründet liegt, passt man die Stilrichtung auf "Carry the Fire" etwas an und legt etwas an Härte zu. So klingt Sänger James Guest nicht nur zum Verwechseln ähnlich wie Geoff Tate, auch allgemein fühlt man sich in die Anfangszeiten von Queensrÿche versetzt - und dies sei als Kompliment vermerkt. Der galoppierende Anfangstrack 'Forever Changed', die groovigen 'Save Me' und 'Man Stand Alone' oder das rassige 'This Day' hätten perfekt in die "The Warning"-Ära gepasst. Doch auch das restliche Material zeichnet sich durch akkurates Songwriting aus, welches zwar den einen und anderen Durchlauf braucht, um richtig zu zünden. Doch die oftmals im typischen Maiden-Stil gehalten Gitarrenläufe und die allgemein eingängigen Refrains machen es einem relativ einfach, die Wiederholungstaste zu drücken.

Einmal in den Gehörgängen gelandet entfaltet sich "Carry the Fire" als eine durchweg lohnende Angelegenheit, welche Freunde der bereits erwähnten, frühen Queensrÿche besonders erfreuen wird. Doch auch wer allgemein im traditionellen US Metal der Marke Crimson Glory oder frühere Fates Warning zu Hause ist, dürfte an diesem Album seine Begeisterung finden. Zudem ist es allgemein immer wieder eine wohltuende Bereicherung zu erleben, dass auch von neuen Bands aus der traditionellen Metal-Ecke qualitativ hochstehendes Material geschmiedet wird. Bitte mehr davon!

Punkte: 7 / 10

Credits: Ulterium Records 2015


Freitag, 4. September 2015

Oparock? Von wegen...


[Im WebZine Whiskey-Soda veröffentlicht]


IRON MAIDEN

The Book Of Souls

(Metal, Heavy Metal)


Ende dieses Jahres, genauer genommen am 25. Dezember, wird die mittlerweile zur Metal-Institution herangewachsene Band Iron Maiden ihr 40stes Jubiläum feiern. Und eigentlich gäbe es jetzt Unmengen an Geschichten und Hintergrundwissen über dieses Phänomen zu berichten. Doch dafür empfiehlt sich wärmstens die DVD "The History of Iron Maiden Part 1: The Early Days" und die jeweiligen Doku-Fortsetzungen auf den DVDs "Live After Death" und "Maiden England '88" oder ganz einfach der Film "Flight 666".

Spricht man von Iron Maiden, herrscht zumindest in der Metal-Szene Ehrfurcht und allgemein im Musikbusiness Respekt. Ganze drei Dekaden hat man die Rockmusik verblüfft, begeistert, geprägt und mit unsterblichen Songs beschenkt. Generationen von Bands berufen sich auf die Eisernen Jungfrauen als ihr musikalisches Erbe und Maskottchen Eddie ziert nicht nur die Albumcover und ist während den Live-Shows ein wichtiger optischer Bestandteil, sondern geniesst auf der ganzen Welt Kultstatus.

Gibt es eigentlich etwas, was über Iron Maiden noch nicht erzählt wurde? Ach ja, das neue Album... Fünf Jahre liegen zwischen dem letzten Studio-Output "The Final Frontier" und dem heiss erwarteten "The Book of Souls". Fünf Jahre, während denen die mittlerweile an die 60 Lenzen klopfenden Herren einerseits mit der "The Final Frontier" Promo-Tour und zuletzt mit der beliebten und äusserst erfolgreichen Retro-Tour "Maiden England" die ganze Welt bereisten. Die Welt hat noch nicht genug Eisen, Alt und Jung feiern die immer noch motivierten und spielfreudigen Mannen, bis anfangs 2015 eine Nachricht die Metal-Welt in Atem hält: Bei Frontmann Bruce Dickinson wird ein Tumor auf der Zunge diagnostiziert - er unterzieht sich einer entsprechenden Behandlung. Das Album ist zwar bereits im Kasten, doch die Band beschliesst, den weiteren Prozess zu unterbrechen, bis über Dickinsons Zustand eine definitive Diagnose gegeben werden kann. Erst die erlösende Botschaft des besiegten Tumors führt die Herren wieder ins Studio, wo noch der letzte Schliff und schliesslich die Bekanntgabe des Releasedatums gegeben werden. Doch bereits beim Erscheinen der Vorab-Single 'Speed of Light' wurden die vielen Begeisterungsstürme durch das Gemecker der ewig Unzufriedenen getrübt.

Das erste Doppel-Album der Bandgeschichte (Live-Alben und Compilations ausgeschlossen) kündigte sich mit seinen monumentalen 92 Minuten und dem bisher längsten Stück (das 18-minütige 'Empire of the Clouds' löst den bisherigen Rekordhalter 'Rime of the Ancient Mariner' mit seinen grandiosen 13 Minuten ab) als ein weiterer harter Brocken innerhalb der progressiven Soundevolution von Iron Maiden an. Nicht alle Maiden-Fans der ersten Stunde konnten nämlich gleich gut mit der Entwicklung der Post-Reunion-Alben leben. Doch 'Speed of Light' donnert überraschend direkt, simpel und mitreissend aus den Boxen und man fühlt sich umgehend in die 80er-Ära versetzt. Aber das ist nur der Anfang...


Wer bei den letzten beiden Alben "A Matter of Life and Death" und "The Final Frontier" schon fast verzweifelt versucht hat, sich durch den sperrigen Soundnebel zu kämpfen, um Maidens Schätze auch in den progressiven Strukturen zu entdecken oder sich schlicht die Scheiben nahezu schönhören musste, der darf getrost sein: "The Book of Souls" führt diesen Weg nicht fort. Bereits der Opener 'If Eternity Should Fail' bleibt sofort im Ohr hängen und besticht nebst grossartigem Refrain durch die typische Instrumentalisierung und die zweistimmigen Gitarrenharmonien, die trotz ihrer Einfachheit Maiden zu dem gemacht haben, was sie Heute sind und deshalb diesbezüglich in einer eigenen Liga spielen lässt.
Und genau diese Einfachheit zieht sich durch das gesamte Album, welches zudem wieder durch eine etwas druckvollere Produktion daherkommt und die Trümpfe des 16. Outputs der Band klar offenlegt: Bruce ist in Höchstform und man würde nie im Leben darauf kommen, dass der gute Mann bereits während seinen Sessions einen Tumor auf der Zunge hat. Das Gitarrentrio Murray / Smith / Gers liefert sich ein Riff- und Solobattle par excellence und zeigt wahrscheinlich zum ersten Mal so richtig, wie man drei Gitarren markant und optimal einsetzt. Über den Rhythmusteppich Harris / McBrain braucht man sowieso keine weiteren Worte, das ist selbsterklärend genug. Einzig ein nicht unwesentliches Detail sei hierbei angefügt, welches vor allem das Songwriting betrifft: Mastermind Steve Harris hat sich auf "The Book of Souls" erstaunlich zurückgenommen und fungiert zwar bei sechs Songs als Co-Writer, überlässt aber bei den übrigen Songs die Feder hauptsächlich Bruce und Adrian Smith.

'The Red and the Black' ist die einzige reine Harris-Komposition auf dem gesamten Doppel-Album, aber was für ein Monument das ist! Ein 13-minütiger Marsch - den man durchaus als 'Rime of the Ancient Mariner - Part 2' bezeichnen könnte - der sich mit seinen Riffs, Solos und Mitsingparts nahtlos in die Reihe der ganz grossen Hits der Bandgeschichte einreiht und zu einem absoluten Live-Knüller werden dürfte. Cheers 'Arry!

Ebenfalls monumental (10:27 Min.), aber etwas sphärischer geht's im Titeltrack zu. Statt oft vorgeworfenes Recycling der eigenen Sachen, spielen Maiden hier in neuer Frische auf - herausragend. Überhaupt erlebt man auf dem gesamten Album eine spürbare Spielfreude und Inspiration, welche sich ohne progressive Umwege sehr direkt entfaltet. Knackige Nummern wie 'When the River Runs Deep', 'Death or Glory' oder das fantastische 'Shadows of the Valley' klingen auf den ersten Hörgenuss vielleicht austauschbar, doch hört man einmal die grossartige Instrumentalisierung und das einzigartige Zusammenspiel der Band heraus, wird schnell klar, auf welchem Niveau man sich befindet. Und auch bei den etwas ruhigeren Stücken 'The Great Unknown', 'Tears of a Clown' (übrigens eine Hommage an den verstorbenen Schauspieler Robin Williams) oder 'The Man of Sorrows' verliert man sich nicht in der Langeweile, sondern baut auch dort gekonnt ein Emotionsgerüst auf.

Und da wäre ja noch der Abschluss des Albums, 'Empire of the Clouds'. Meine Güte. Sowas hat man von Iron Maiden in dieser Form noch nie gehört: Piano, Violine und ein Einstieg, der wie aus einem Kinosoundtrack anmutet und dann eine Soundkulissenentwicklung, die einem während 18 Minuten nur noch Gänsehautfeeling verschafft. 18 Minuten mögen nach viel klingen, aber keine einzige Sekunde davon, in der das tragische Unglück des Verkehrsluftschiffs R101 musikalisch verarbeitet wird, ist zu viel. Schlicht meisterhaft!

Fazit? Nun, die Erwartungen an eine Band wie Iron Maiden sind verständlicherweise gross. Doch dass die sechs Briten in ihrem Alter noch imstande sind, während 92 Minuten ein solches Feuerwerk abzuliefern, hätte ich ihnen ehrlich gesagt nicht zugetraut. Nicht selten mit Freudentränen in den Augen komme ich auch nach dem wiederholten Durchlauf zum selben Schluss: besser als auf diesem Album kann Iron Maiden Anno 2015 nicht klingen. Kann sich "The Book of Souls" also gar mit den Klassikern aus den 80ern messen? Schwer zu prognostizieren, das wird der Test der Zeit offenbaren. Aber eines steht bereits jetzt fest: von der Post-Reunion-Ära ist "The Book of Souls" zweifellos das stärkste Album.

Ein Hoch auf diese grossartigen Herren! Long live the Irons!


Punkte: 10 / 10

Credits: Warner / Parlophone, Sanctuary Copyrights / BMG 2015


Donnerstag, 27. August 2015

(Un-)Vergänglichkeit


Die Einen erleben sie relativ häufig, andere werden davon etwas mehr verschont: Die Momente im Leben, wo einem Hände und Füsse gebunden sind und man machtlos dem Schicksal überlassen ist. Mitteilungen über schwere Krankheiten, Tumore, ja, bis hin zu Todesnachrichten, können einem buchstäblich den Boden unter den Füssen wegnehmen. Die Sonne im Leben wird zur dunklen Nacht, das fröhliche Gelage zum Jammergesang. Sie machen uns allen klar, dass unser Leben beschränkt und endlich ist. Der Kampf und das Ringen ums Leben beginnt. Aber ist Leben wirklich nur Überleben? Mit Verlaub, ich glaube nicht...


Ironischerweise stellen sich uns gerade in solchen Situationen die essentiellen Lebensfragen. Wir wollen uns mit der einfachen Antwort, welche der entsprechende Lagebestand unbeirrt liefert, nicht zufrieden geben. Die Suche nach Trost und Hoffnung sind mehr, als lediglich der Versuch zu überleben - sie sind das Tor zum Leben und die Berührung mit der Unvergänglichkeit. Es wird einem klar, dass der Mensch mehr ist, als eine blosse Hülle, die irgendwann einmal vom Erdreich verschluckt sein wird. In dieser Hülle nämlich, steckt nebst aussergewöhnlichem Potential an Denken und Handeln auch die Fähigkeit des Empfindens und des Liebens. Es ist die Gewissheit, dass das Leben einen Sinn hat - sowohl für mich, wie auch für mein Gegenüber. Ich bin ein Auserwählter aus millionen von Spermien, ein wichtiges und wertvolles Individuum, welches sich auf einzigartige Weise den Aufgaben des Lebens stellt. Die dabei häufig entstehende Frage "Warum gerade ich? Warum muss ausgerechnet mir dies passieren?" bleibt meistens unbeantwortet und deutet darauf hin, dass die Antwort in einem grösseren und weit höheren Zusammenhang stehen muss. Jedenfalls gibt der natürliche Kreislauf des Lebens selbst keine faire Antwort darauf. Der Urheber des Lebens hingegen bietet darin eine weitaus grössere Perspektive.

Doch ob uns dies bewusst ist oder nicht, hinterlassen wir Spuren im Leben: einige sind gut sichtbar, andere eher kaum wahrnehmbar. Einige Personen konnten grosse Schritte machen, andere dafür nur ganz wenige. Aber am Ende ist Jeder auch wiederum nur ein Teil des ganzen Geschehens. Egal, ob ich das Privileg einer tollen Ausbildung und eines lukrativen Geschäfts hatte oder ob ich lediglich mein ganzes Leben lang auf der Flucht war oder ums nackte Überleben kämpfte - meine Einstellung und meine Haltung zum Leben und zu meinen Mitmenschen werden meine Taten ausmachen.

Somit ist das Leben an sich zwar vergänglich - und wir können uns in der Tat privilegiert und glücklich schätzen, wenn wir gesund sind! - aber was wir schliesslich davon hinterlassen, bleibt als Erinnerung unvergänglich zurück. Welches Vermächtnis wir auch immer hinterlassen werden, legen wir im Umgang mit unserem Leben und deren Umständen fest.
Möge es - allen Umständen zum Trotz - ein inspiriertes und inspirierendes Leben sein!